Mit der Abenddämmerung geht für Paul Truttmann in Oberrieden der Ärger los. Denn dann beginnen über 30 Stehleuchten den Bahnhof der Zürichsee-Gemeinde zu erhellen. Das Licht soll bei Reisenden für mehr Sicherheit und Wohlbefinden sorgen. «Wenn ich nicht die Storen komplett herunterlasse, werde ich in meiner Wohnung geblendet», sagt der Physiker. Genauso geht es Annette Wiesner: «Weil das Licht von unten kommt, nützen schräg gestellte Jalousien nichts. Am schlimmsten ist aber, dass es nie mehr richtig Nacht wird.»

Bereits nach der Sanierung des Bahnhofs im Juli 2007 beschweren sich Anwohner sofort bei den SBB über das grelle Licht. Annette Wiesner bekommt umgehend nächtlichen Besuch der Projektleitung. Doch danach passiert drei Monate lang nichts. «Das Problem musste zuerst analysiert werden. Es wurde abgeklärt, welche technischen Änderungen machbar sind und den Normen entsprechen», erklärt SBB-Mediensprecherin Michèle Bamert. Erst im November reagiert die Bahn und schaltet in der Nacht einen Teil der Leuchten aus - zwischen ein Uhr und 4.30 Uhr und nur unter der Woche, mehr liege an der Schnellzuglinie aus Sicherheitsgründen nicht drin, so der Bescheid. Wiederum verstreichen zwei Monate, bis im Januar 2008 auch die Reflektoren am Perrondach verbessert werden. Doch die Anwohner fühlen sich weiter geblendet.

Licht raubte Vögeln die Orientierung
Der Beobachter trifft sich mit dem renommierten Lichtplaner Christian Vogt aus Winterthur vor Ort. Er ist überrascht, dass die Kandelaberleuchten, die eigentlich das Perron ausleuchten sollten, nach oben strahlen. «Reflektor und Glas sind unglücklich gewählt. Es gibt Streulicht im Glas», sagt er. Und dieses blendet.

Seit 2001 sanieren die SBB Regionalbahnhof um Regionalbahnhof. 620 sollen insgesamt bis 2016 einem «Facelifting» unterzogen werden, gegen 230 sind inzwischen saniert. Wie ist es möglich, dass den Verantwortlichen nie aufgefallen ist, wie stark die Leuchten blenden? «Oberrieden hat eine ganz spezielle Hanglage, die das Problem erst an den Tag brachte», erklärt Sprecherin Bamert. Lichtplaner Vogt hat noch eine andere Erklärung: «Elektroingenieure berechnen zwar, wie stark Licht sein muss, damit es hell genug wird. Standardmässig wird aber nie berücksichtigt, wohin das Licht nicht strahlen soll.»

Streulicht sorgte schon beim Start des Programms «Facelifting Stationen» im Jahr 2001 für negative Schlagzeilen. Der «Railbeam», den die SBB in die sanierten Regionalbahnhöfe als Wahrzeichen integrierten, strahlte in den Nachthimmel. Dieses Licht raube bei schlechter Sicht Vögeln die Orientierung, zitierte der Beobachter damals die Vogelwarte Sempach. Erst unter dem Druck der Öffentlichkeit suchte die Bahn schliesslich nach einer Lösung.

Nachdem der Beobachter die SBB mit dem Lösungsvorschlag von Lichtplaner Vogt konfrontiert hat, folgt wenig später die überraschende Kehrtwende: Die Bahn setzt plötzlich um, was der Experte empfohlen hat. Und endlich scheint die Beleuchtung die Anwohner zumindest teilweise weniger zu blenden.

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