Beim Bundesamt für Veterinärwesen (BVET) gibt man Entwarnung. Im Jahr 2003 fand man in der Schweiz noch 21 mit BSE infizierte Rinder, letztes Jahr nur noch drei. Die Migros wird deshalb Ende Januar ihre freiwillig durchgeführten Tests einstellen. Die Rinderseuche scheint überwunden.

In die aufkeimende Euphorie platzt jetzt eine Entdeckung des BSE-Forschers Adriano Aguzzi, Professor für Neuropathologie an der Uni Zürich. Aguzzi veröffentlicht dieser Tage im Wissenschaftsmagazin «Science» eine Studie, die verschiedene bisherige Erkenntnisse auf den Kopf stellt. So könnten etwa eine Untersuchung beim Zahnarzt oder eine Darmspiegelung gefährlicher sein als bisher vermutet.

Im Zentrum von Aguzzis Untersuchungen stehen Prionen. Diese infektiösen Eiweissteilchen werden für die Übertragung von BSE bei Rindern sowie der neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit auf den Menschen verantwortlich gemacht. Über die Nahrung aufgenommen, gelangen die Prionen via Blutbahn ins Gehirn, das sie innerhalb eines halben Jahres zerstören.

Ein Schnupfen mit tödlichen Folgen
Aguzzi infizierte in seiner Studie Mäuse mit Prionen. Und erstmals wies er die hochinfektiösen Prionen im ganzen Körper der Tiere nach. «Wir fanden Prionen in Leber und Niere sowie in der Bauchspeicheldrüse», sagt Aguzzi. Bisher ging die Wissenschaft davon aus, dass Prionen nur im Hirn, im Auge und in lymphatischen Organen wie Mandeln und Milz vorkommen.

Der springende Punkt laut Aguzzi: «Wir verwendeten ausschliesslich Tiere, die an einer entzündlichen Krankheit litten.» Die Versuchstiere waren zum Beispiel an Gelbsucht erkrankt. Die Studie zeigt, dass sich just in der Leber und in anderen jeweils entzündeten Organen gehäuft Prionen fanden. Dafür seien die so genannten B-Lymphozyten verantwortlich, die Entzündungen bekämpfen. «Wo B-Lymphozyten wegen einer Entzündung aktiv sind, nisten sich auch Prionen ein. Klingt die Entzündung ab, verschwinden auch die Prionen aus diesem Organ», sagt Aguzzi.

Was bedeutet das für die endlich überwunden geglaubte BSE-Gefahr? In England, Frankreich und Italien sind bis heute etwa 160 Menschen an der neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit gestorben, die laut Meinung der Wissenschaft ihren Ursprung bei BSE hat. In der Schweiz noch keiner. Aguzzi glaubt jetzt, für die geringe Anzahl eine mögliche Erklärung gefunden zu haben. «Es könnte sein, dass man nur dann für den BSE-Erreger empfänglich ist, wenn man gerade eine Entzündung hat.» Somit wäre gefährdet, wer ein BSE-verseuchtes Steak isst und zu diesem Zeitpunkt an Schnupfen, Ohrenschmerzen oder einer Gastritis leidet.

Aguzzi fordert die Verantwortlichen im Kampf gegen BSE und die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit auf, bisherige Vorsichtsmassnahmen zu überdenken. «Auch die Frage, welche Rinder mit entzündlichen Krankheiten weiterhin zu Fleisch verarbeitet werden dürfen.» Allein die Migros untersuchte bis heute zwar über eine halbe Million Rinder auf BSE und die Behörden jährlich rund 20'000. Doch untersucht wird nur das Gehirn. Entzündete und eventuell von BSE-Prionen befallene Organe bleiben so unentdeckt. Sie können übers Essen in den menschlichen Körper gelangen. Wie viele Menschen auf diesem Weg BSE-Prionen aufnehmen oder in sich tragen, weiss niemand. «Fest steht nur, dass Menschen Prionen tragen können, ohne sofort zu erkranken. Dies haben Erfahrungen aus England gezeigt», sagt Lorenz Amsler von der Abteilung Übertragbare Krankheiten des Bundesamts für Gesundheit.

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Übertragung in der Zahnarztpraxis?
Ein weiterer Grund, weshalb es für eine BSE-Entwarnung zu früh ist, liegt in der medizinischen Betreuung. Denn Ärzte können, unabsichtlich, Prionen übertragen, wenn sie kontaminierte Instrumente verwenden. «Es gibt Studien, die diese Übertragung aufzeigen. Prionen haften leicht und lange auf Metalloberflächen», sagt der Spitalhygieniker Christian Ruef vom Unispital Zürich. Der Bund hat deshalb 2003 präventiv die Creutzfeldt-Jakob-Verordnung in Kraft gesetzt. Sie schreibt Ärzten vor, ihre Instrumente bei 134 Grad während 18 Minuten zu sterilisieren, damit BSE-Prionen vernichtet werden.

Dazu verpflichtet sind jedoch nur Ärzte, die mit Gewebe in Berührung kommen, das mit Prionen verseucht sein könnte: Neuro- und Kieferchirurgen, Hals-Nasen-Ohren-Ärzte sowie Augenärzte. Eine Umfrage des Beobachters zeigt: In den meisten Spitälern hält man sich an die neue Verordnung – neue Sterilisatoren sind angeschafft oder bestehende umgerüstet.

Nicht so in Privatpraxen, obwohl die Übergangsfrist Anfang dieses Jahres abgelaufen ist. «Zwei Drittel haben geantwortet und gesagt, sie hätten umgestellt oder operierten in ihrer Praxis nicht mehr. Ein Drittel hat noch nicht geantwortet. Wir sind daran, nachzufassen», sagt etwa der St. Galler Kantonsarzt Markus Betschart. Kantone wie Schaffhausen, Solothurn, Basel und Zug haben Ärzte teils schriftlich dazu aufgefordert. Doch die Übersicht fehlt: Keiner der verantwortlichen Kantonsärzte und Kantonsapotheker hat bis heute kontrolliert, ob die Ärzte der gesetzlichen Anforderung auch wirklich nachgekommen sind.

Die Studie von Prionenforscher Adriano Aguzzi dürfte den Ärzten Beine machen – und die Creutzfeldt-Jakob-Verordnung über den Haufen werfen. Denn Zahnärzte beispielsweise müssen bis dato ihre Instrumente nicht prionensicher sterilisieren, da angeblich kein Kontakt zu Risikogewebe besteht.

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Risikofaktor Darmspiegelung
Doch laut Aguzzis Studie sind etwa entzündete Zahntaschen ein möglicher Prionenherd. Laut dem Zürcher Kantonszahnarzt Werner Fischer verfügen Zahnärzte heute zwar über sehr sichere Sterilisatoren. Doch die meisten müssten umrüsten. «Sie verfügen noch nicht über das erforderliche Prionenprogramm.»

Noch heikler ist die Situation bei Magen-Darm-Spezialisten: Sie können das Endoskop – eines ihrer wichtigsten Arbeitsinstrumente – nicht sterilisieren. Das Gerät würde bei den hohen Temperaturen zerstört. Die Ärzte reinigen es deshalb nur mit Seifenlauge. Diese «High-Level-Desinfektion» tötet zwar Bakterien, Viren und Pilze. «Gegen Prionen ist das Verfahren jedoch nicht sicher wirksam. Das ist tatsächlich ein Problem», räumt Ulrich Seefeld, Präsident der Fachgesellschaft der Gastroenterologen, ein.

Seefeld hält es für «etwas beunruhigend», dass heute schon Prionen im lymphatischen Gewebe des Verdauungstraktes nachweisbar sind. «In erster Linie im Dünndarm. Wir untersuchen ihn deshalb nur sehr zurückhaltend.» Prionenforscher Aguzzi jedoch befürchtet, dass Magen und Darm sogar stark betroffen sein könnten. «Bei einer Gastritis ist die Magenschleimhaut entzündet und deshalb möglicherweise mit BSE-Prionen besetzt.»

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