Beobachter: Der Rinderwahnsinn hat die Landwirtschaft in eine ihrer grössten Krisen gestürzt. Wie konnte es bloss so weit kommen?
Michael Rist: Ein Grund liegt in der intensivierten Fütterung. Man wollte ja Kühe mit Milchleistungen von 10'000 Litern und mehr. Aber diese 10'000-Liter-Kühe schafften oft nur zwei Laktationen, also Milchjahre – länger können sie das gar nicht aushalten. Weil man den Tieren solche Milchleistungen abverlangte, musste man ihnen mit dem Futter zusätzliche Eiweisse zuführen. In den sechziger und siebziger Jahren begann man dann mit der Zufütterung von tierischen Eiweissen aus Fleischabfällen in Form von Tiermehlen.

Beobachter: Ist ein Zurück zu weniger hochgezüchteten «Milchmaschinen» möglich?
Rist: Ja, allerdings müssten wir dafür auch einen entsprechend höheren Milchpreis zahlen. Die Entwicklung geht aber in die entgegengesetzte Richtung. Heute heisst es, die Bauern müssten sich unter den Bedingungen des globalen Wettbewerbs behaupten. Das frühere Konzept des paritätischen Lohns, das den Bauern einen sozial gerechten Lohn garantierte, ist ja völlig in der Versenkung verschwunden.

Beobachter: Folglich müssten jetzt die Konsumentinnen und Konsumenten den Bauern den gerechten Lohn zahlen?
Rist: Bei den Eiern hat das funktioniert. Für Eier aus artgemässer Haltung waren die Konsumenten bereit, 50 und 60 Rappen zu bezahlen, obwohl Batterieeier nur 20 oder 30 Rappen kosteten. Das funktioniert jedoch nur, wenn man den Konsumenten nicht laufend verspricht, das alles billiger wird.

Beobachter: Der internationale Wettbewerb wird die Preise noch weiter drücken.
Rist: Im weltweiten Wettbewerb spielt die Qualität kaum eine Rolle, Preis und Menge sind das Mass aller Dinge. Es ist doch unsinnig, dass Lebensmittel heute noch nach Kilogramm verkauft werden – man müsste eigentlich den Ernährungswert zahlen. Nur lässt sich der eben nicht so bequem messen; deshalb zahlen wir nach wie vor per Kilo.

Beobachter: Bei Bioprodukten ist das aber anders.
Rist: Der biologische Landbau hat versucht, gerechte Preise zu erzielen. Aber es gibt ja bereits wieder Einwände, dass Coop die Produzentenpreise drücke. Meiner Ansicht nach müsste die Idee des fairen Handels auch im Inland zum Zug kommen. Fairer Handel mit Entwicklungsländern heisst ja nichts anderes, als dass die Bauern dort einen ähnlichen Lebensstandard haben sollen wie die übrige Bevölkerung und dabei einen umweltgerechten Landbau betreiben können.

Beobachter: Die steigende Nachfrage nach Bioprodukten zeigt doch, dass die Konsumenten bereit sind, den Bauern ihre Zusatzarbeit für umwelt- und artgerechte Haltung auch abzugelten.
Rist: Für die meisten ist der Preis nach wie vor ein wichtiges Kaufargument. Wenn das Importei die Hälfte kostet, greifen halt doch viele zum billigeren Produkt. Aber sicher können die Konsumenten durch richtiges Kaufverhalten wesentlich mitgestalten.

Beobachter: Offenbar braucht es bei Konsumenten, Bauern und auch in der Politik ein Umdenken. Nur: in welche Richtung?
Rist: Die neuere Entwicklung ging dahin, dass man nicht mehr fragte «Was ist richtig?», sondern «Was ist ökonomisch?». Das ist eigentlich falsch. Zuerst muss man wissen, was richtig ist – beispielsweise eine artgerechte Tierhaltung. Und dann muss man dieses Richtige möglichst wirtschaftlich umsetzen. Wenn man aber immer nur nach dem kurzfristig Wirtschaftlichen fragt, fällt jede Überlegung zur richtigen Entwicklung unter den Tisch. Und damit ruinieren wir den Qualitätslevel in der Landwirtschaft. Die Wissenschaft war da mitbeteiligt. Sie hätte immer die Aufgabe gehabt zu sagen, was richtig ist. Doch auch sie hat vielfach nur danach gefragt, was billiger ist.

Beobachter: Gibt es denn keine Kontrollmechanismen gegen diese Entwicklung in Richtung immer mehr Effizienz?
Rist: Das Schweizer Tierschutzgesetz hat im Bereich der Tierhaltung die nötigen Schranken gesetzt. Jetzt braucht es noch Regeln im Bereich der Fütterung und auch in der Zucht, damit die Viehwirtschaft wieder aufs richtige Gleis kommt. Aber das wird wirtschaftliche Konsequenzen haben. Dann lässt sich nicht mehr so billig produzieren wie heute. Im Moment stehen wir auf der Kippe: Das Ringen geht jetzt darum, ob die Qualität wieder im Vordergrund stehen wird oder ob sie erst in zweiter Linie kommt und der Preis die Hauptrolle spielen soll.

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