Beobachter: War Ihnen bekannt, dass der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) 1938 für Einreisebeschränkungen eintrat?
Rolf Bloch:
Nicht so, wie Sie es darstellen. Mir ist bekannt, dass die Schweizer Juden – nicht erst seit 1938 – mit der Aufnahme jüdischer Flüchtlinge in grosse finanzielle Schwierigkeiten gerieten. Aber sie waren nicht für die Schliessung der Grenzen, sondern man hat sich nach der Decke gestreckt.

Beobachter: Immerhin vertrat man im SIG die Meinung, man müsse die «unkontrollierte Einreise abstoppen».

Bloch: Die jüdische Haltung zeichnete sich dadurch aus, dass man einerseits helfen wollte, aber nicht über genügende Mittel verfügte. Man hat grosse Sammlungen veranstaltet. Anderseits wusste man, wer für die Flüchtlinge das Sagen hatte. Also versuchte man, sich mit der Fremdenpolizei gut zu stellen.

Beobachter: Wie bewerten Sie den Auftritt Rothmunds vor den SIG-Delegierten?
Bloch:
Rothmund hatte das Gefühl, er habe die Schweizer Juden im Griff. Er charakterisierte sie später als mutlos, sie hätten vor der behördlichen Politik resigniert. Doch der SIG hatte die Auflage, für die Flüchtlinge aufzukommen. Der Historiker Jacques Picard spricht von einer «finanziellen Erpressung».

Beobachter: Teilen Sie diese Auffassung?
Bloch:
Ich würde sagen, die Juden wurden mit diesem Mittel kontrolliert oder auch instrumentalisiert.

Beobachter: Aber andere Teilnehmerstaaten der Konferenz von Evian praktizierten doch eine ähnliche Politik?
Bloch:
Im Zusammenhang mit Evian machen wir der Schweiz keinen grossen Vorwurf. 1938 dachte man nicht an die «Endlösung». Der Vorwurf kommt bezüglich der zweiten Grenzsperre 1942, als es um Leben und Tod ging. Davon distanzierte sich der SIG. Vorher ist man effektiv «mitgelaufen» – im Rahmen dessen, was man tun konnte.

Beobachter: 1997 verweigerte die SIG-Geschäftsleitung dem SVP-Historiker Christoph Mörgeli die Einsicht ins Archiv. Hatten Sie Angst vor einer Schlammschlacht?
Bloch:
Diese Gefahr besteht. Auch bei Ihrem Artikel befürchte ich eine Welle von Antisemitismus, denn jeder liest daraus ein bisschen, was er will. Man wird sich auf Einzelheiten stürzen, aber den Zusammenhang ausser Acht lassen.

Beobachter: Darf man nach 60 Jahren nicht auf widersprüchliche Fakten hinweisen?
Bloch:
Doch, wenn die Fakten stimmen.

Beobachter: Im Buch von Jacques Picard sind fast all diese Fakten enthalten, wenn auch gut verpackt.
Bloch:
Ja, aber Ihr Artikel suggeriert, der SIG habe die Flüchtlingspolitik «gebilligt» und habe mit der Fremdenpolizei «aufs engste zusammengearbeitet».

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Beobachter: War es denn nicht so?
Bloch:
Man hat der Not gehorchend zusammengearbeitet, nicht dem eigenen Trieb.

Beobachter: Einverstanden. Aber damit ist das Faktum nicht aus der Welt geschafft.
Bloch:
Man muss wie bei einem Vertrag, der unter Willensmängeln zustande kam, untersuchen, warum das so ist. Der SIG geriet im Krieg unter Druck. Es war eine passive, keine aktive Kooperation.

Beobachter: Wir gewannen aus den Akten einen anderen Eindruck. Wie soll denn eine kritische Aufarbeitung der Geschichte erfolgen?
Bloch:
Ich kann mit Ihnen sehr gut über Ihre Recherche diskutieren. Aber ich weiss nicht, wie die Wirkung auf unbedarfte Leser sein wird.

Beobachter: Sehen Sie da Probleme?
Bloch:
Ja, insofern, als Antisemitismus entstehen kann, wie wir es jetzt wieder erlebt haben. Als wir vor kurzem den Bundesrat baten, von einem Empfang der österreichischen Regierung vorläufig abzusehen, erhielt ich unflätige Briefe und Drohungen. Für viele sind wir immer noch keine echten Schweizer. Aber ich hoffe, dass ich mich diesmal täusche.

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