Wenn die Leute Valium schlucken, Gehörschutzpfropfen verwenden und Schlaftabletten nehmen müssen, dann hört der Spass auf.» Gerhard Hirt, 57, Präsident der Basler IG Wohnkultur, ist der Unmut sofort anzumerken. «Es gab schon Leute, die sagten, sie holten jetzt dann den Karabiner.»

Grund für solche dramatischen Aussagen ist die Immissionsbelästigung durch Musikveranstaltungen und Beizenlärm in Basler Wohnquartieren. Vor zwei Jahren sei erstmals ein Höhepunkt erreicht worden, klagt Hirt über die Zustände in den Kleinbasler Ballungszentren um die Kulturwerkstatt Kaserne und das Musikfloss am Rhein. «An 38 der schönsten Sommerabende konnte man keinen Balkon benützen. Es herrschte eine Lärmstärke von 70 Dezibel. Auch bei geschlossenen Fenstern war es unmöglich, miteinander zu reden.»

Die «Lärmeskalation» (Hirt) begann vor fünf Jahren – als Folge der Liberalisierung im Gastgewerbe: Als erster Schweizer Kanton hob Basel-Stadt 1996 unter der politischen Verantwortung des freisinnigen Regierungsrats Jörg Schild die Polizeistunde auf. «Die ersten zwei Jahre gingen gut. Wir rechneten nicht damit, dass sich viel ändert», erinnert sich Heinz-Dieter Neerforth, stellvertretender Rechtsdienstleiter des Polizei- und Militärdepartements. «Doch wir haben uns getäuscht.»

Die Lärmklagen nahmen massiv zu, Anrainer mussten hinnehmen, dass «vermehrt in die Hausgänge uriniert» wurde und vor Lokalen bis morgens um drei gegrölt und Autotüren zugeschlagen wurden.

Ob allein die Aufhebung der Polizeistunde den Lärmpegel im öffentlichen Raum nach Mitternacht ansteigen liess, sei dahingestellt – für Kurt Ehret, Leiter der Abteilung Administrative Dienste im Basler Polizeidepartement, ist klar: «Das Leben hat sich in den letzten Jahren verändert. Die Leute gehen später aus und kehren später heim. Es macht sich wie im Süden ein mediterraner Touch breit.»

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Damit verbunden ist ein wachsendes Bedürfnis, zentrale öffentliche Plätze im Wohngebiet zu bespielen. Nach der bewilligten Jungle Street Groove Ende August zum Beispiel flanierten noch um halb ein Uhr morgens Zehntausende von Jugendlichen dicht gedrängt durch die Innenstadt.

Zoff in der «Festhütte Zürich»
Auch in der Partymetropole Zürich gaben die Nachtschwärmer diesen Sommer Anlass zu hitzigen Diskussionen. Nach dem Zürcher Modell gilt zwar generell Beizenschluss von Mitternacht bis fünf Uhr. Doch kann gemäss einem Stadtpolizeisprecher «durchgehend offen gehalten werden, wenn nichts dagegenspricht». Komme es zu Lärmklagen, «müssen wir auf den ordentlichen Schliessungszeiten bestehen».

Polizeivorsteherin Esther Maurer ist die «Festhütte Zürich» mit der liberalen Bewilligungspraxis allerdings ein Dorn im Auge. Deshalb wollte sie das vor fünf Jahren gelockerte Gastgewerbegesetz wieder verschärfen – doch sie biss mit ihrem Ansinnen beim Parlament auf Granit.

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Auch Maurers Versuch, mit einer restriktiven Bewilligungspraxis für mehr Ruhe zu sorgen, scheiterte: Als ihr Amt den Betreibern der diesjährigen «Langen Nacht der Museen» die Bewilligung für nachmitternächtliche Veranstaltungen im Freien kurzerhand verweigert hatte, schaltete sich Stadtpräsident Elmar Ledergerber höchstpersönlich ein und erteilte eine Sonderbewilligung.

Weniger dramatisch ist die Situation in Obwalden, der als erster Innerschweizer Kanton die Polizeistunde am 1. Januar 1998 abschaffte. «Die Erfahrungen sind unproblematisch», sagt Kriminalpolizeichef Stefan Küchler. «Doch kommt es im Tourismuszentrum Engelberg in der Umgebung von Nachtlokalen zu gewissen Nachtruhestörungen.»

Im Liberalisierungs-Pionierkanton Basel-Stadt hat der Zielkonflikt zwischen Recht auf Ruhe und Freude an Fun und Festen im öffentlichen Raum ein Mass angenommen, dass FDP-Politiker Schild wieder an der Regelschraube drehen muss. Die vorberatende Grossratskommission behandelt zurzeit eine Revision des Gastgewerbegesetzes, das ähnlich wie das Zürcher Modell wieder die Polizeistunde mit Schliessungszeiten von ein bis fünf Uhr und an Wochenenden von zwei bis fünf Uhr einführen will. Wer in den Sperrzeiten offen halten will, kann jedoch mit einer grosszügigen Bewilligung rechnen, sofern sein Betrieb quartierverträglich ist.

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Allmähliche Entspannung der Lage
Auch die Kantonsverwaltung reagierte auf den Liberalisierungslärm und die zunehmende Vereinnahmung von öffentlichem Raum durch Eventveranstalter: Sie bildete vor einem Jahr eine koordinierende interdepartementale Kommission für die Vergabe von öffentlichem Grund. «Die Situation hat sich seit Einsetzung der Kommission entspannt», bilanziert Präsident Marc Keller das Seilziehen um phonstarke Rockkonzerte, Techno- und Beachvolleyball-Veranstaltungen.

Für heikle Basler Plätze wurden «Belegungsregeln» und «Bespielungspläne» erstellt, die ab kommendem Monat auch im Internet abgerufen werden können. Eine erste Wirkung ist nach Meinung der Lärmgegner bereits spürbar: Auf dem Rheinfloss sind statt 40 nur noch 18 Sommerkonzerte bis 22 Uhr erlaubt. Eine öffentliche Dezibelanzeige macht die Einhaltung der Grenzwerte überprüfbar.

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Falls ihm der nächtliche Trubel vor der Haustür immer noch zu viel ist, kann Lärmbekämpfer Gerhard Hirt wenigstens flüchten: Er besitzt ein Domizil im Jura.