24 Stunden zusätzliche Zeit, um die das Schaltjahr länger dauert als normale Jahre. Wie lässt sich Zeit in Bilder fassen?

Für den Beobachter schwärmten am 29. Februar 2008 elf Fotografinnen und Fotografen aus, um an einem Schauplatz ihrer Wahl dieser Frage auf den Grund zu gehen.


Waldstück im Berner Seeland, 15.10 Uhr

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Forstarbeiter vollziehen fortwährend Zeit-Schnitte. Innert weniger Sekunden beenden sie das mitunter jahrzehntelange Wachstum eines Baumes. Sein Holz bekommt dadurch einen neuen Sinn unter einer anderen Zeitrechnung: Als Baumaterial lebt es abermals jahrzehntelang weiter.

Alexander Jaquemet


Zürich, Klinik Bethanien, 22.55 Uhr

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Ich habe die Tendenz, im Jetzt zu leben. Ab und zu träume ich auch der Vergangenheit nach. Die Zukunft ist selten an meinem Lebensinhalt beteiligt, was mir grosse Freiheit lässt. Obwohl ich es geniesse, so zu leben, frage ich mich in letzter Zeit öfter: Wo ist dein Verantwortungsgefühl? Ich habe mich entschlossen, mich der Zukunft zu stellen. Vielleicht, weil ich eine Frau in den frühen Dreissigern bin, war mein erster Gedanke: Kinder sind unsere Zukunft - in der Weltgeschichte und natürlich auch in meiner. Die am 29. Februar geborene Lea wird das Glück haben, viermal langsamer zu altern als wir. Wann wird wohl sie sich die Zukunftsfrage stellen müssen?

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Vera Hartmann



Skigebiet Laax, 22.39 bis 22.41 Uhr

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Geschenkte Zeit, das muss man nutzen, bis in die letzten Minuten. Zum Beispiel mit Skifahren in der Nacht. Man sieht zwar nichts, aber es fährt. Und man hat die Zeit effizient genutzt.

Stefan Jäggi



Quartierstrasse in Zürich, 17.45 Uhr

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Es ist der 29. Februar, ein Tag, den es sonst nicht gibt - und die Zeit steht still.

Dominic Büttner



Seuzach ZH, 15.26 Uhr

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Ich bin langsam, gewissermassen. Langsamer möchte ich sein, darf aber nicht - eigentlich. Also jage ich. In meinem Kopf oder in der sogenannten Seele, bevor oder auch nachdem ich die Augen schliesse. Später lache ich darüber, manchmal. Auch ich trage den Abstand zwischen gestern und jetzt und zwischen jetzt und dann auf meinen Schultern. Manchmal wird der Abstand irritierend, unberechenbar, erdrückend, und ich werfe ihn weg. Oder renne davon oder auch hinterher. Oder im Kreis. Später lache ich über mich selbst, manchmal.

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Sava Hlavacek



Bei Familie Steinauer in Bauma ZH, 12.50 Uhr

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Hier sitzt mein Vater François Steinauer, ein Eisenkünstler, fast wie immer nach dem Mittagessen auf dem Sofa und spielt Gitarre. So war das auch, als ich noch ein kleines Mädchen war. Heute ist seine zweijährige Enkelin Emmamay dabei - meine Tochter. Sie macht einfach irgendwie mit, und so spielen die beiden ihre Musik. Musik sind Töne - nur durch die Pausen bekommen sie einen Sinn. Auch wenn diese Pausen eigentlich nichts sind, so braucht es dieses Nichts für die Fülle des Ganzen. Das gilt für die Musik wie für den Lauf des ganzen Lebens: Im Nichts ist die Stärke verborgen.

Tina Steinauer



Schlaflabor in Lausanne, 22.15 Uhr

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Wer sich zur Untersuchung ins Schlaflabor begibt, verabschiedet sich für eine Nacht gleichsam von Raum und Zeit. Er befindet sich in einem stillen, sterilen, von der Aussenwelt abgeschotteten Zimmer. Messgeräte registrieren Hirnströme und Augenbewegungen, Atmung, Herzfrequenz und Muskelspannung - der Körper wird bis in die hinterste Faser überwacht, ohne dass man es wahrnimmt. Ein Angestellter wiederum überwacht die Maschinen. Für ihn ist die Nacht endlos lang, während am Patienten die Zeit vorbeifliegt.

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David Gagnebin-de Bons



Bei Familie Walter in Basel, 23.10 Uhr

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Laut Statistik werden pro Kopf in der Schweiz täglich 370 Liter Wasser verbraucht und 1,8 Kilo Müll produziert - Zahlen, die für die Vergänglichkeit von materiellen Gütern stehen. Hier sehen wir den Ressourcenverbrauch meiner kleinen Familie - zwei Erwachsene, zwei kleine Kinder - an diesem geschenkten Tag. Auch wenn Wasser und Strom nicht abgebildet werden konnten: Irgendwie bin ich fast ein bisschen enttäuscht, wie wenig Material in dieser Zeit zusammengekommen ist, rein optisch zumindest.

Hans-Jörg Walter



Istein (D), 10 Kilometer von Basel, 21.14 bis 21.35 Uhr (das Bild links stammt vom 14. Juli 2006)

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Ich arbeite gerne nachts, der Rhythmus der Zeit ist anders, irgendwie persönlicher. Ich suche tagsüber Orte und Objekte, die ich nachts fotografiere - beleuchtet mit Hilfe einer Taschenlampe. Eine Belichtung dauert bis zu einer Stunde. Während dieser Zeit sehe ich nur den kleinen Lichtkegel der Lampe, erst auf dem entwickelten Film setzt sich dieser Ausschnitt für mich wieder zu einem ganzen Objekt zusammen.

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Christian Flierl



Labor für Zeit und Frequenz, Bundesamt für Metrologie, Bern-Wabern, 16.05 Uhr

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Irgendwo in diesem Land muss ja ein Mensch sitzen, der den Schalttag einfügt und dafür sorgt, dass unser Kalender mit der Umlaufzeit der Erde um die Sonne übereinstimmt - dachte ich mir. Also besuchte ich Gregor Dudle in Wabern. Er und sein Team realisieren mit Hilfe der Frequenz des Cäsiumatoms die «genaue Sekunde». In Zusammenarbeit mit anderen Instituten wird damit die Weltuhrzeit UTC ermittelt. Entgegen meiner Erwartung war dieser 29. Februar für ihn überhaupt kein spezieller Tag. Alles lief wie immer, die Atomuhren tickten mit einer Genauigkeit von einer Milliardstelsekunde Abweichung pro Tag. Für den Wissenschaftler war dieser Tag schlicht die Nummer 54525 im MJD (Modified Julian Date).

Stefan Süess

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Zürich, 10.55 Uhr

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Der Schalttag liegt in unserer Hand. In der linken, am Ende der Senke zwischen dem ersten und zweiten Knöchel. Die meiste Zeit stimmt das so natürlich nicht. Aber manchmal schmuggelt er sich ins Auf und Ab der Monate und Jahre, und man staunt, dass - zumindest manchmal - doch noch so viel Zeit ist: für einen ganzen Tag in unserer Hand.

Rita Palanikumar