Werbung lügt nicht immer. «A-Post ist ein Zeichen der Wertschätzung», verkündete neulich ein Inserat der Post – dem kann man nur zustimmen. Daher war ich etwas in Sorge, als die monatliche Lohnabrechnung mal einige Tage später als sonst kam – und ich sah, dass sie per B-Post verschickt worden war. Worauf will mich mein Arbeitgeber offenbar schonend vorbereiten? Jetzt, wo auch in der Medienbranche von Krise geredet wird?

Jänu.

Im Geschäftsleben ist die B-Post zwar beliebt, aber im Grunde bleibt sie doch das Aschenputtel unter den Versandoptionen. Schon vom Auftritt her ist sie gar nicht zu vergleichen mit der A-Post, die dreist behauptet, am Folgetag anzukommen. Auch nicht mit dem Expressbrief: In Sachen Tempo und ergo Wertschätzung macht ihm keiner was vor, seit das Telegramm abgedankt hat.

Aber die B-Post? Ein kluger Kopf hat ausgerechnet, dass sich das Christentum nur so schnell verbreiten konnte, weil dafür eben keine B-Postel eingesetzt wurden.

Spass beiseite: Die B-Post wirkt zwar wie die Light-Version der italienischen Post, der es auf eine Woche nicht ankommt. Doch der Schweizer Ansatz entspringt einer ganz anderen Philosophie der Briefzustellung. Wer sich vergegenwärtigt, wie in den Verteilzentren wieselflinke Angestellte die B-Post mit sicherem Griff aus dem Strom der Sendungen fischen, um sie drei, vier Tage unter ständiger Kontrolle von Licht und Temperatur nachreifen zu lassen, der versteht sofort, dass dies mit südländischem Schlendrian nichts, aber rein gar nichts zu tun hat!

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Grossmutter, Pöstler, Kutscher und Räuber

Nein, hier geht es um Traditionen. Gerade jetzt, in Zeiten der globalen Verunsicherung, erblühen diese wieder: ob Slow Food, ob Luxusuhren, die man von Hand aufziehen muss, ob Goldbarren als Wertanlage – alles Ausdruck der Sehnsucht nach einer Zeit, als man das Leben noch im Griff hatte. Als man Telefone bedienen, Bankberater verstehen und auch als Laie Fahrkarten lösen konnte. Und als man ab und zu einen Brief erhielt statt täglich Spam.

Die Visionäre der Post kalkulieren längst mit dieser Sehnsucht. Die Grossmutter, die zittrig den Brief an den Enkel verfasst, frankiert und dem Postillion überreicht, die Postkutsche auf staubiger Strasse, der Hinterhalt der Räuber, das glückliche Entkommen des wackeren Kutschers, der Wechsel der erschöpften Pferde – es sind solche Bilder, tief im kollektiven Unterbewussten verankert, denen die B-Post verpflichtet ist. Bilder, die Zeit brauchen. Bilder, zu denen die hektische A-Post nie passen wollte. A wie atemlos. B wie beständig.

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Die Post hat diese Zusammenhänge nie offensiv kommuniziert. Stattdessen die arbeitsintensive B-Post künstlich verbilligt, damit sie das temposüchtige Publikum überhaupt tolerierte. Doch die Zeiten haben sich geändert. Auch bei der Post hat man das erkannt: Sie drosselt nun die Leerungsfrequenz der Briefkästen so weit, dass die A-Post – Wertschätzung hin oder her – faktisch abgeschafft wird. Slow Mail ist die Zukunft. Und die Schweizer Post hat dabei die Nase vorn.