Wie immer, wenn der Wind bläst, neigt sich draussen der karge Baum bedrohlich zur Seite. Drinnen neige ich mich selbstvergessen mit, wie ein Bobfahrer in der Kurve. Irgendwer am Tisch sagt etwas, ziemlich laut sogar, aber es erreicht mich nicht. Ich schiele auf den Block der Sitznachbarin: Was schreibt sie denn da? Mit der Wortmeldung, die zu uns herüberschwappt, kann es nichts zu tun haben; sie blickt nicht mal auf.

Ganz recht - wir befinden uns in einer Sitzung. In der Redaktionssitzung beim Beobachter, um genau zu sein. Es wird diskutiert, was ins nächste Heft soll. Die Argumente fliegen hin und her: Was spricht dafür, einen Artikelvorschlag umzusetzen? Was dagegen?
Liebe Leserin, lieber Leser, setzen Sie sich doch zu uns. Wie Sie feststellen werden, fällt in dieser Runde sehr oft das Wort «relevant». Zum einen dient es als Killerargument, um eine strittige Idee wegen mangelnder Wichtigkeit abzuschiessen. Anderseits bringen Journalisten es gern als Trumpfkarte, um ihrem eigenen Thema mehr Bedeutung zuzuschreiben, als es hat. Klar wird einem dabei vor allem eines: Was relevant ist und was nicht, ist Ansichtssache.

Und so kommt es mitunter zu relevanzgetriebenen Hahnenkämpfen, die gewisse Längen aufweisen können. Jene Sitzungsteilnehmer, die die Frage nach der Relevanz gerade nicht so relevant finden, schlagen die Zeit anderweitig tot. Die Volontärin beispielsweise kritzelt gedankenverloren Endlos-Kringel auf ihren Schreibblock. - «Was nicht neu ist, ist nicht relevant!», tönt es derweil von links. - Der Kollege vis-à-vis starrt angestrengt auf seinen Schoss. Ich habe ihn im Verdacht, er löse ein Sudoku. - «Zu weit weg vom Alltag, komplett irrelevant!», schiesst es scharf von rechts. - Der Dienstälteste, ein Hobbysinologe, perfektioniert seine chinesischen Schriftzeichen. - «It’s relevant!» - der Hinweis auf Englisch macht Wichtiges noch wichtiger.

Ich selber habe natürlich auch meine Techniken, Aufmerksamkeitsdefizite zu überbrücken. Ich wähle zum Beispiel meinen Sitzplatz stets so, dass ich aus dem Fenster schauen kann. Wenn draussen der windgebeugte Baum den Blick aufs Nachbargebäude freigibt, erkenne ich im Stockwerk gegenüber manchmal unseren früheren Verlagschef (genau: den, den Sie aus der «Arena» kennen), wie er sich mit rotem Kopf über den Töggelikasten beugt; das sieht lustig aus. - «Also wenn das nicht relevant ist, was dann?!» - Ausserdem zeichne ich gerne. Am liebsten Vierecke. Diese kombiniere ich jeweils so, dass sich daraus ein Fussballfeld ergibt. Darum herum vierecke ich riesige Stadien. Schöne Sachen habe ich schon gebaut. - «Relevant? Dass ich nicht lache!» - Eher zufällig merke ich irgendwann, dass es rundherum still geworden ist.

Hallo? Hallo, Sie! Die Sitzung ist zu Ende. Oh, Sie sind eingeschlafen? Halb so schlimm: Sie haben nichts Relevantes verpasst.