An einem völlig normalen Mittwoch komme ich von der Arbeit heim und begegne im Treppenhaus meiner Frau Esther, die sich angeregt mit Sabine unterhält, unserer völlig normalen Nachbarin vom ersten Stock. Sabine sagt: «Carla wurde heute verhaftet.»

Carla ist die Nachbarin vom fünften Stock, Anfang 30, alleinstehend und selten sichtbar. Zumindest für uns vier Familien, die wir einen ganz anderen Lebensrhythmus pflegen. Und man muss wissen, wir sind ganz normale Mittelständler, Lehrer, Sozialarbeiter, Akademiker und stehen Behörden - vor allem der Polizei - zuallererst mal kritisch gegenüber. Glaubten wir.

«Carla verhaftet! Wieso?», frage ich. «Sie hat Rechnungen nicht bezahlt», meint Sabine. «Sie hat ja auch schon Betreibungen gehabt.» - «Bloss wegen unbezahlter Rechnungen kann niemand verhaftet werden. Das ist eine wesentliche Errungenschaft der Aufklärung.» - «Was weiss ich. Auf jeden Fall war die Polizei da und wollte Carla verhaften.» - «Aber wieso? Das versteh ich nicht.» Schweigen. «Carla ist doch Juristin», überlegt Sabine. «Nein, sie ist Headhunterin», korrigiere ich. «Aber mir sagte sie, sie arbeite in einem Anwaltsbüro.» - «Mir sagte sie, sie arbeite als Headhunterin.» Schweigen. «Vielleicht ist sie eine Hochstaplerin.»
Die nun verhaftete Carla hatte uns unlängst erzählt, sie habe auf Ende Monat gekündigt, weil sie einen Job in Singapur antrete. Ein Fluchtversuch? Und Carla hat sich selten am Hausleben beteiligt, die Waschküche nicht richtig geputzt, einmal teure Duvetanzüge von Sabine irrtümlicherweise mitgenommen. Irrtümlicherweise? Da kommt Kurt, der Nachbar vom zweiten Stock. «Du Kurt, was ist mit Carla los?», frage ich. «Keine Ahnung. Aber sie ist ausgeschrieben.» Ausgeschrieben. Da haben wirs. «Ich tippe auf Drogen», sagt meine Frau Esther. «Sie hat doch manchmal so was Abwesendes im Blick.»

Das Grüppchen von Nachbarn löst sich auf. Jeder verschwindet mit seinen explodierenden Phantasien in seiner Wohnung.

Zwei Stunden später höre ich die Schwerverbrecherin Carla von der Arbeit heimkommen. Sie spricht mit Vreni vom vierten Stock. Ich stelle mich dazu. Carla erzählt, sie habe eine Vorladung wegen einer Verkehrsbusse nicht beachtet. Die sei aber schon längst bezahlt. Deshalb habe sie geglaubt, die Sache sei erledigt.

Zurück in der Wohnung, erinnere ich mich an die Geschichte jenes Arbeiters im Steinbruch bei Mollis, die mir ein Freund erzählte. Dem Mann war ein Stein auf den Fuss gefallen. Eingangs Dorf hatte er zwei gebrochene Beine, in der Mitte war er querschnittgelähmt und ausgangs Dorf tot.

Aber Carlas Augen haben trotzdem manchmal einen komischen Glanz.