Neulich stand irgendwo, dass jeder etwa 100 Mal am Tag lügt. Ums gleich zu klären: Das halte ich für gelogen - jedenfalls was mich betrifft. Umso schmerzlicher ist es, dennoch tagein, tagaus der Lüge bezichtigt zu werden. Die Unverschämtheit kommt scheinbar harmlos daher: Ob ich melde, dass sich das Parkett wellt, Steckdosen keinen Strom haben, der Computer im Büro spinnt - die jeweiligen Experten werden es erst einmal nicht glauben. Und sagen, was zur Standardfloskel der Dienstleistungsgesellschaft geworden ist: «Das kann gar nicht sein!»
Prägende Erfahrungen sammelte ich Mitte der neunziger Jahre mit einem zum IT-Supporter umgeschulten Setzer, nennen wir ihn Huber. Beim Film wäre er die ideale Besetzung des fiesen Cops gewesen. Egal, welches Computerproblem ich schilderte, reflexartig kam: «Das kann gar nicht sein!» Huber hielt mich entweder für einen Lügner oder einen Idioten. Also setzte ich meinen Ehrgeiz daran, das System zu immer absurderen Fehlermeldungen und überraschenden Abstürzen zu treiben - durchaus mit Erfolg. Nur um zu beweisen, dass es eben doch sein konnte. Ich erlangte darin eine gewisse Fertigkeit; Huber dürfte aufgeatmet haben, als ich endlich kündigte.

Besonders oft kommt Handwerkern «Das kann gar nicht sein» über die Lippen. Zum Beispiel meinem Sanitär. Seit dem Einzug in die damals neu umgebaute Wohnung war der Warmwasserstrahl der Dusche schwach und versiegte immer wieder völlig - gern dann, wenn man schon eingeseift war. Die periodischen Einsätze des Sanitärs liefen so ab:

  1. «Grüezi, das kann gar nicht sein!»
  2. Misstrauisch liess er sich den mickrigen Strahl vorführen.
  3. «Verstehen Sie? Das kann gar nicht sein!»
  4. Nach längerer Debatte versprach er irgendeine Intervention in irgendeiner Heizzentrale. Die verbesserte gerade so viel, dass man sich wieder für eine Weile in sein Los schickte. Schliesslich bereitet es wenig Freude, frühmorgens im eigenen Bad von wildfremden Menschen immer wieder jegliche Glaubwürdigkeit abgesprochen zu bekommen.

Nun das Wunder: Nachdem wir gerade wieder die Punkte 1 bis 4 zweimal routiniert durchgespielt hatten, stieg plötzlich der Wasserdruck. Ein Ausrutscher? Offenbar nicht - nach etlichen Kontrollduschen verdichtet sich der Eindruck, dass das Problem nach drei Jahren endlich behoben sein könnte. Auch wenn mich eine innere Stimme warnt: Das kann gar nicht sein!