Es ist noch nicht lange her, da konnte ich jeweils am frühen Morgen in Zürich mit einem Gefühl der Überlegenheit aus dem Berner Intercity aussteigen. Ich hatte weder Nägel gekaut noch nervös mit den Fingern getrommelt, geschweige denn schon in Aarau das Feuerzeug getestet: Als Nichtraucher war mir das Verhalten meiner an Entzugserscheinungen leidenden Mitreisenden bestenfalls eine Quelle der Erbauung.

Seit dem 24. März ist alles anders. Ich rauche zwar immer noch nicht, aber ich leide jetzt mit. Am Abend vor jenem schicksalsschweren Samstag beschloss ich nämlich aus einer spontanen Laune heraus, am «Shutdown-Day», dem internationalen Abschalttag, mitzumachen und während 24 Stunden auf meinen heissgeliebten Computer zu verzichten.
Um es gleich vorwegzunehmen: Es wurde der härteste Tag seit der Entdeckung des binären Zahlensystems. Dabei fing alles ganz harmlos an. Am Freitag drückte ich kurz vor Mitternacht den Aus-Knopf an meinem Laptop, strich noch einmal sanft über den Deckel und sagte: «Wir sehen uns morgen wieder, Baby.»

Als ich am nächsten Tag erwachte, war der Geist immer noch willig - aber er brauchte Ablenkung. Ich ging auf den Markt und verteilte meine Einkäufe zwecks Zeitvertreib auf sieben Stände. Wieder zu Hause, stellte ich ernüchtert fest, dass immer noch elf computerlose Stunden und 17 ebensolche Minuten vor mir lagen. Für einen zugfahrenden Raucher zwischen Bern und Zürich entspricht das etwa der Durchfahrt in Däniken. Ich begann meine leidenden Mitreisenden zu verstehen.

Ich ging ins Arbeitszimmer und betrachtete meinen digitalen Freund und Zeitfresser. Sein Tiefschlaf brach mir das Herz, aber ich blieb hart. Zur Ablenkung stellte ich die Stereoanlage an. Als dort jedoch DRS 3 aus Zürich statt «The Spirit of Jazz» aus San Francisco via Internet erklang, wurde mir die unerbittliche Härte meines Selbstversuchs derart bewusst, dass ich wieder ausschaltete. Auch Zeitunglesen half nichts, blättern statt klicken schien mir eine sehr mühselige Angelegenheit. Zudem ertappte ich mich dabei, wie meine Hände auf einer unsichtbaren Tastatur mein Passwort eingaben.

Die letzten Stunden des Tages verbrachte ich in einer Art Dämmerzustand, bis mich um 23.59 Uhr der vorsorglich gestellte Wecker erlöste. Ich zählte die letzten Sekunden rückwärts und drückte Punkt Mitternacht auf den On-Knopf. Eine halbe Minute später hatte mich die Welt wieder und vor allem ich sie. Und ich schwor mir, nie, gargargar nie wieder einen Raucher anzumotzen, der in Zürich die Zugtür versperrt, weil er sich als Erstes eine Zigarette anzünden muss.

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Quelle: Luca Schenardi