Bis es November wurde. Der November ist nämlich nicht nur der Monat des Nebels, von Allerseelen und Allerheiligen, sondern auch der Monat der Einladungen: Es gibt eine Einladung zum Besuchsmorgen der Schule, zum Elternabend in der Tagesstruktur mit Gelegenheit zum gemeinsamen Räbeliechtlischnitzen, zum Räbeliechtliumzug, zum Adventskalenderbasteln in der Krippe meiner zweitgeborenen Tochter, zur nationalen Erzählnacht, zum Besuch des Schwimmunterrichts, zum Besuch des Musikunterrichts, zum Sponsorenlauf zugunsten des Horts.

Der November ist der Monat der Elternbeteiligungswut sämtlicher Betreuungsinstitutionen. Ist doch alles freiwillig, wird mir jeder Unbekinderte ins Gesicht lachen.

Richtig. Doch «freiwillig» ist für Bekinderte äusserst relativ. Kann ich es verantworten, dass meine Erstgeborene ohne Räbeliechtli dasteht? Möglicherweise deshalb sogar nicht zum Umzug gehen will, somit in ihrer Peergroup zur Aussenseiterin wird, sozial den Anschluss verliert, aus Selbstbestätigungsdruck schon mit elf den ersten Joint raucht, mit zwölf den Quartierladen ausräumt und mit 15 ins Erziehungsheim eingewiesen werden muss? Kann ich nicht. Also ist der Elternabend der Tagesstruktur mit vorgängigem gemütlichem Räbeliechtlischnitzen ein Muss.
Und hat meine dreijährige Tochter keinen Adventskalender in der Krippe, erlebt sie jeden Morgen, wenn die anderen die Türchen öffnen, dass ihr Vater sie schmählich im Stich gelassen hat. Dieser Vatermangel führt zu einem diffusen Gefühl der Verlorenheit, zu psychologischer, später psychiatrischer Behandlung mit Kontaktsperre. Will ich nicht. Also ist Adventskalenderbasteln auch gesetzt. Dasselbe gilt für den Besuchstag in der Schule, im Schwimmunterricht, im Musikunterricht et cetera.

Meine Frau und ich hätten also den Monat November freinehmen müssen, um all die Termine wahrnehmen zu können, die entstanden sind, weil wir unsere Kinder fremdbetreuen lassen, da wir beide berufstätig bleiben wollen. Konsequenz: Wir müssen Ferien nehmen, weil wir arbeiten möchten.

Stattdessen haben wir gekündigt und die Rent-a-parent GmbH gegründet. Wir vermitteln einen Ersatzvater für einen Elternabend zum Preis von 150 Franken; eine Ersatzmutter für den Räbeliechtliumzug für 300 Franken; eine Vertretung beim Schwimmunterricht für 75 Franken. Problem gelöst: Wir lassen uns vertreten und verdienen daran. Leider sind wir bisher unsere einzigen Kunden.

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