«Der wird sich freuen», sagt der Kondukteur, wie ich ihm die Sachen in die Hand drücke. «Kommen Sie mit.»

Drei Wagen weiter stossen wir auf den dicken Wanja, seine viel jüngere Frau und ein kleines Mädchen. Wanja tobt, eine Dame im Pelzmantel steht daneben und verwirft unterstützend die Hände.

«Se tschentelmän häs found it», sagt der Zugbegleiter in bestem SBB-Englisch und hält dem verdutzten Mann seine verlorenen Papiere unter die Nase.

«Yoooouuuuu?», kreischt seine Frau. Ein kleines russisches Volksfest bricht los: «Oh, thank you, thank you, thank youuuu!» Ich werde geherzt, gelobpreist und gehändeschüttelt. «Es gibt eben doch noch ehrliche Menschen», sagt die Pelzträgerin gerührt. Ich, der Edelmann – ein gutes Gefühl.

Unter einer weiteren Dankessalve verabschiede ich mich und gehe stolz durch den Zug in meinen Waggon zurück.

Irgendwo im fernen Russland werden sie nächsten Winter am Samowar sitzen und sich die Geschichte vom braven Eidgenossen erzählen.

Hier im Abteil hingegen weiss niemand von meinen Taten. Ich bin nur einer von vielen auf dem Weg in die feierabendliche Bedeutungslosigkeit. Eine grosse Leere macht sich im Abteil breit, da ertönt eine Lautsprecherdurchsage: «Ist ein Arzt im Zug? Bitte melden Sie sich sofort beim Zugpersonal.» Meine Mitreisenden sehen sich erwartungsvoll um.

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Ruhm gibts überall zu holen

Ich zögere nicht und gehe los, schnell, aber ohne Hast. Alle blicken mir nach. In ihren Augen bin ich der Arzt, der gleich im fahrenden Zug ein Kind entbinden wird. Da ist sie wieder, die Anerkennung – unverdient, natürlich. Aber wenn diese Welt Helden braucht, will ich ihr einer sein. Schliesslich haben alle etwas davon: ich das Ansehen, alle andern den Glauben an das Gute im Menschen. Damit werde ich auch die Reisenden im nächsten Wagen beglücken.

Überhaupt sollte ich das Ganze zum Lebensprinzip erheben. Brachliegenden Ruhm gibts überall: Am Wochenende kann ich mich an fremde Luxusautos lehnen und mit dem kleinen Finger Fliegenkot vom schwarzen Lack kratzen. Einen Luxusmakler anrufen und mir teure Wohnungen zeigen lassen.

Ich gönne mir und meinen Mitmenschen eine weitere Wagenlänge.

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Vielleicht gehe ich auch einmal an die Beerdigung eines Unbekannten, stelle mich neben die Trauerfamilie und mime den Tapferen. Nie unterkriegen lassen! Oder ich werde… «Sie sind auch noch Arzt? Sehr gut, kommen Sie.» Der Zugbegleiter hat mich am Arm gepackt und redet auf mich ein: «Der Russe ist zusammengeklappt. Die Aufregung war wohl zu viel für ihn.» Er schubst mich zwei Abteile weiter. Da sind alle wieder, die Russen und die Pelzträgerin.

Wanja japst und keucht. Das sieht nicht gut aus.

«Warum tun Sie nichts?!», drängelt die Frau im Pelz.

Kann nicht.

«Wie bitte?»

Bin kein Arzt.

«Warum rennen Sie dann durch den halben Zug?», fragt der Zugbegleiter.

Warum schon? Ich will aufs Klo, zum Speisewagen… «Er will sicher Finderlohn», zischelt die Fellkutte. Verächtliche Stille im Wagen. «Verrr-swinde Sie weg!», faucht die Rachmanowa.

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Gottlob, hat im restlichen Zug niemand etwas mitgekriegt. Ich kann als anonymer Bürger in mein Abteil zurückschleichen. Da schallt die Stimme des Zugbegleiters aus dem Lautsprecher: «Ist auch noch ein richtiger Arzt an Bord?»