Den allerletzten Schuss setzte ich mir an einem Sonntagabend. Es war die Hauptausgabe der «Tagesschau». Zum Nachtisch zog ich mir noch einen «Tatort» rein. Am nächsten Morgen verschenkte ich den Fernsehapparat.

Ich war Fernseh-Junkie. War. Seither rührte ich keine Glotze mehr an. Der kalte Entzug ist die einzige Methode, die funktioniert, denn es gibt noch kein TV-Surrogat, kein Fernsehmethadon. Früher war ich ganz zappelig, wenn ich die «Tagesschau» und den sich einstellenden Katastrophenrausch verpasst hatte. Erst wenn ich mich in «10 vor 10» vergewissert hatte, dass die Welt elend und der Mensch schlecht ist, konnte ich zu Bett gehen.

Nun will mich der Staat wieder anfixen. Mich zum Fernsehen zwingen. Der Nationalrat hat von den Zinnen seines Elfenbeinturms herab beschlossen, dass jedermann in diesem Land Fernsehgebühren zahlen soll. Ob er nun die tägliche Dosis Tagesshow reinzieht oder nicht. Eine Politikerin von der CVP hat noch behauptet, das Staatsfernsehen sei die «Grundlage für Demokratie und Kultur». So reden auch Sektenmitglieder und andere Fanatiker.

Zwangsfernsehen ist in meinem Fall, wie wenn Sie einem Ex-Raucher einen Zigarettenautomaten in den Wohnungsflur stellen würden. Sie mögen einwenden: Musst ja nicht schauen, wenn du nicht magst. Doch das ist wie mit den Krankenkassenprämien. Wenn die mir schon jeden Monat so viel Knete ausreissen, will ich auch etwas haben dafür. Auch wenn Sie mir jetzt damit kommen, das sei menschlich irgendwie schwach, dann räume ich ein: Ich bin eben schwach und vielleicht kein 1-a-Musterbürger.

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Ich finde es in Ordnung und sogar psychisch gesund, wenn jemand auch etwas haben will für sein Geld. Dafür muss sich doch keiner schämen. Wenn sich also jemand, weil er ja Krankenkassenprämien zahlt, die Innereien in Schuss hält und sich auch schon einmal zu viel in die Röhre legt. Oder wenn ich 300 Franken im Jahr fürs Fernsehen hinblättern muss, dann will – nein, was sage ich: Dann muss ich da einfach hineinschauen.

Tragen wir unsere Wut ins TV-Studio!

Deshalb habe ich mich schon mal nach einem Breitbild-TV-Gerät erkundigt und vorsorglich das Zeitungsabonnement gekündigt. Das brauchts dann ja nicht mehr. Zeitungen und Zeitschriften gehören nämlich nicht zur Grundlage der Demokratie und Kultur; jedenfalls hat das diese CVP-Nationalrätin nicht erwähnt.

Und für den wahrscheinlichen Fall, dass ich wieder ins alte Fahrwasser gerate, mit der TV-Droge nicht zurechtkomme und wieder Junkie werde, gründe ich eine Selbsthilfegruppe für Fernseh-Junkies. Ich bin mir da ganz sicher: Es gibt viele, die loskommen möchten von dieser Sucht. Tausende, wenn nicht Abertausende. Es sind alle die, die nach halb acht Uhr am Abend nicht mehr auf der Strasse anzutreffen sind. Diesen Bedauernswerten rufe ich zu: Wir sind viele. Wir haben nur eine Chance auf Genesung: Wir müssen die Passivrolle als Zuschauer abstreifen. Reingehen. Mitmachen. Das Fernsehstudio entern. Wir werden zum Alptraum für die geschützte Werkstätte Leutschenbach. Wir machen daraus die Autonome Werkstätte Leutschenbach. Denn wer zahlt, befiehlt. Jeder darf mitmachen. Was gibt es für ein besseres Argument dafür als die Zwangsmitgliedschaft? Wir werden eine Sendung nur für uns Zwangszuschauer produzieren. Bürgerfernsehen. Das wäre dann tatsächlich so eine Art Grundlage der Demokratie.

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Und jetzt können wir nur noch hoffen, dass auch der Ständerat dieser Zwangsgebühr zustimmt.