Da. Da! Da stehen sie wieder, die Mütter und Väter mit ihren Kinderwagen. An der engsten Stelle in der samstäglich überfüllten Migros. Genau vor der Milch, wo doch alle hinwollen. Nein, hinmüssen. Denn freiwillig tut sich das ja niemand an, das Einkaufen am Samstagvormittag. Diese Tortur für Leib und Seele, wo stählerne Einkaufswagen auf zarte Fersen treffen und schlaftrunkene Sinnesorgane durch die blosse Existenz der Umwelt malträtiert werden.

Und dann stehen sie also genau vor der Milch, diese Stützen der Nation. Halten gemütlich ein Schwätzchen, während ihre Kleinen samt Gefährt und dranhängenden, von PET-Flaschen bauchigen Taschen den ohnehin zu engen Gang versperren. Geniessen die Rudelwärme, den Dutzende von Minuten dauernden Moment der Kommunikation mit Gleichgesinnten. Als hätten sie einen Freipass zum Lungern und Lafern und Ehrliche-Leute-vom-Arbeiten-Abhalten - denn nichts anderes schliesslich ist die samstägliche Futterbeschaffung.

Vermutlich sind es dieselben Leute, die in jüngeren Jahren an der Uni die engste Kurve der Treppe zur Kantine für extensive Unterhaltungen über Gott, die Welt und sonstige Nebensächlichkeiten besetzten. Selbstverständlich zur Mittagszeit. Denn was kümmern den Homo sociabilis die Bedürfnisse hungriger Studenten. Schliesslich heisst es ohnehin: «Voller Bauch studiert nicht gern.» Also: Parlieren geht über Futtern und hilft somit - studieren. Und nur wenige Jahrzehnte später werden die Behinderer, getreu ihrem Hang zur Obstruktion, als Senioren Zug, Bus und Tram bevölkern. Zur Stosszeit wohlverstanden und ohne Sachzwang wie Arbeits- oder Schulbeginn.

Zugegeben, angesichts von so viel Zeit, Musse und raumfüllendem Selbstbewusstsein kommt bei mir - wenn es denn die Zeit erlaubt - das eine oder andere Quentchen Neid auf. Und eine unbändige Lust auf... auf... auf... auf eine Teleporter-Pistole aus dem Arsenal von Captain Kirk und Co.! Damit, man möge es mir verzeihen, würde ich Eltern, Kind und Kegel kurzerhand für kurze Zeit auf den Mond oder sonst wohin schiessen − und Milch und Joghurt rückten plötzlich in greifbare Nähe. Doch genug der Träumereien: Nächsten Samstag leih ich mir einen Kinderwagen. Luxus pur.

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