Erinnern Sie sich an Ihren letzten Stau vor dem Gotthardtunnel? Daran, dass Sie die angekündigte «Wartezeit von zweieinhalb Stunden» längst absolviert hatten, ohne dass irgendwo ein Loch im Berg zu sehen war? Haben Sie auch über all die Idioten geflucht, die ausgerechnet am selben Tag wie Sie in den Süden fahren wollten?

Nun, das wäre nicht nötig. Ein paar simple Verkehrsschilder reichen völlig, um dieses Problem ein für allemal zu lösen. Besagte Schilder müssen bloss am rechten Ort aufgestellt und so hässlich und unübersichtlich wie nur immer möglich gestaltet sein, und schon nimmt der Verkehr um 57,02 Prozent ab.

Klare Anweisung: «Hier nicht öffnen»

Sie glauben mir nicht? Dann schauen Sie mal Ihr Stimmkuvert an. Was sehen Sie da? Eben. Allein die Gestaltung der Vorderseite weist mit geschätzten fünf Schriftgrössen, drei Schriftauszeichnungen (normal, fett, kursiv) und zwei auf dem Kopf stehenden Anmerkungen genug grafische Finessen auf, um den Stimmbürger am Sinn des Urnengangs zweifeln zu lassen. Und was lesen Herr und Frau Schweizer davon als Erstes? Richtig, den Satz «Achtung! Hier nicht öffnen! Bitte wenden und auf der Rückseite öffnen!»

Gehorsame Staatsbürgerinnen und Staatsbürger tun dies – und finden dort erst einmal eine Seite Text, die auf dem Kopf steht. Und was liest man, wenn man das Kuvert noch einmal um 180 Grad gedreht hat? «Hier nicht öffnen! Dieses Kuvert ist für die briefliche Stimmabgabe zu verwenden! Beim Öffnen hier festhalten! Wer sein Stimmrecht nicht ausüben will, hat den Stimmausweis vor der Entsorgung zu zerreissen!»

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Ja was jetzt bitte? Nicht öffnen und für die briefliche Stimmabgabe verwenden? Öffnen und zerreissen? Nicht öffnen und zerreissen?

Wundert es da noch jemanden, dass im Durchschnitt der letzten 20 Jahre nur gerade 42,98 Prozent aller Schweizerinnen und Schweizer ihr Stimmrecht ausübten, die übrigen 57,02 Prozent aber vor lauter «hier nicht öffnen!», «hier festhalten!» und «zerreissen!» darauf verzichteten? Wetten, dass diese 57,02 Prozent aufheulen würden, wenn man ihnen das Abstimmen und Wählen verbieten würde, dass sie es aber stillschweigend dulden, wenn sie durch präzise eingesetzte Verwirrungsmassnahmen davon abgehalten werden?

Also, lieber Herr Verkehrsminister Leuenberger: Lassen Sie am Gotthard eine riesige Fahrverbotstafel aufstellen. Darunter hängen Sie ein kleines Schild, das erläutert, für wen das Fahrverbot tatsächlich gilt, also etwa für Camions mit 74 Paletten versalzenem Erdbeerjoghurt, deren Fahrer seit Stockholm durchgefahren sind und die Autobahnvignette verkehrtherum aufgeklebt haben. In Spiegelschrift könnte man dann noch hinzufügen, dass auch dies natürlich nur am Montagmorgen von halb drei bis Viertel nach vier Uhr gilt. Wetten, dass 57,02 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer meinen würden, sie dürften die Strecke nicht mehr benützen?

Die SBB übrigens haben die Kraft der Konfusion längst erkannt. Um auch ihren treuen Zweitklasskunden einen Extraservice zu bieten, setzen sie im abendlichen Stossverkehr zwischen Zürich und Bern «Reserviert»-Schilder ein. Gelegenheits-Zugfahrer steigen dadurch reflexartig in einen anderen, überfüllten Wagen ein.

Routinierte Pendler aber lesen mit einem heimlichen Grinsen, dass die Reservation am frühen Vormittag zwischen St. Gallen und Wil galt, steigen ein und machen es sich im halbleeren Wagen bequem.