Es ist eine Unsitte, dass sich die Leute dauernd gegenseitig privat zum Essen einladen - und vor allem auch erwarten, dann ihrerseits eingeladen zu werden. Ich mag es nicht, wenn sich Fremde in meiner Küche befinden. Ich befinde mich ja nicht mal selber gern dort. Ich wüsste auch nicht, wozu. Denn obwohl liebe Mitmenschen mich zu jeder Gelegenheit mit Kochbüchern beschenken, koche ich nicht besonders gern und beherrsche es entsprechend lückenhaft. Ich will das aber gar nicht an die grosse Glocke hängen, denn im Allgemeinen wird auf dieses Eingeständnis mit Unglaube, Spott und Ausgrenzung reagiert.

Kein Wunder, verschliessen sich die meisten der Einsicht, dass sie kochenderweise ebenfalls nicht besonders fit sind. Im Gegenteil. Es gilt als kulturell versiert, wer ständig und meist ungebeten mit der Herstellung selbst gebastelter Nudeln, absurder Schokolade-Fisch-Kombinationen oder guatemaltekischer Spezialitäten prahlt - und dies am lebenden Objekt ausprobieren möchte. Wer sich Gäste nach Hause holt, um ihnen Nahrung zuzuführen, sollte jedoch vom Wunsch beseelt sein, ihnen eine Freude zu machen. So wäre mancher Eingeladene froh gewesen, der Gastgeber hätte sich erkundigt, ob er womöglich Vegetarisches bevorzugt oder gar auf bestimmte Kost allergisch reagiert. Oder schlicht Stangensellerie nicht ausstehen kann. Ein Gast ist schliesslich kein hungerleidendes Mitbringsel von der Strasse, das gefälligst froh zu sein hat, wenn es überhaupt was zu beissen bekommt.

So manche kulinarische Ohrfeige wird allerdings vom Unterhaltungsprogramm getoppt: Etwa wenn sich der Gastgeber nach dem Apéritif in die Küche stellt, um Gemüse zu rüsten oder die heikle Sauce zu hätscheln, während der Gast allein gelassen die Wände anstarrt. Und bestimmt bittet man diesen nicht, sich selbst die Schürze umzubinden. Wer das tut, verlangt vermutlich auch, dass er vor der Tür die Schuhe auszieht. Es sind dieselben, die ein striktes Rauchverbot verhängt haben, aber ungeniert Kettenraucher einladen. Und so findet sich der hungrige Gast in Socken auf dem verschneiten Balkon wieder, wo er eine Zigarette raucht und die Sitten dieses Landes verflucht.

Wer Gäste bewirten möchte, sollte fähig sein, dieses Unterfangen in seinem ganzen Ausmass auf sich zu nehmen. Mir ist bewusst, dass mir das Interesse abgeht, das Kochen so weit zu erlernen, dass ich die Resultate jenen zumuten würde, die ich mir als Gäste wünsche. Sie sollen sich andernorts verköstigen, und dann sind sie willkommen, bei mir ein Glas Wein zu trinken oder auch zwei. Oder Mineralwasser. Oder was immer. Sie können auch die Schuhe anbehalten. Und wenn sie nett sind, dürfen sie in meiner umfangreichen Kochbuchsammlung stöbern.

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