Plötzlich merkte er es selbst.

Wie die Worte breiförmig und träge aus seinem Mund flossen, wie sein Körper den Autopiloten einschaltete, seine Mimik in einen repetitiven Rhythmus fiel und sein Geist schläfrig wurde. Und plötzlich nahm Johann Schneider-Ammann auch wahr, wie dem Journalisten gegenüber die Augen zufielen.

Schneider-Ammann erschrak. Er war doch Unternehmer und als solcher per Definition dynamisch, innovativ, visionär! Er brach das Interview ab und verliess fluchtartig das Bundeshaus. Hatte ihn der Amtsschimmel so saftlos und stumpfsinnig werden lassen? Die Karriere als Komiker im französischen Fernsehen sah er nicht als nachhaltige Option. Es brauchte also einen Change-Prozess.

In der Nacht erträumte er eine an Genialität kaum zu übertreffende Lösung: Die Schweiz musste ein Unternehmen werden. Ein börsenkotierter Grosskonzern – effizient, produktiv, dynamisch – statt des lahmen föderalistischen Verwaltungsmonstrums. Keine Schuldenberge mehr, nur noch Rendite. Keine störenden Gesetze, keine Legislative, Exekutive oder Judikative. Und er, Johann Schneider-Ammann, der CEO.

Den Namen wusste er auch schon: Schweiz-Suisse-Svizzera-Svizra AG, kurz SSSS AG. Wie SSSS doch optisch zur Schweiz passte! Harmonie und Kontinuität ohne Ecken und Kanten. Er fühlte Stolz in seiner Brust.

Natürlich bestehen die heutigen Schweizer Firmen weiter, als Töchter des Mutterkonzerns SSSS AG. Die bisherigen staatlichen Dienstleistungen werden neu gewinnbringend an die Kunden (ehemals: Bürger) verkauft. Was nicht rentiert, wird gestrichen.

Von der EU mit Kniefall begrüsst

Die reichsten 10 Prozent können Aktien kaufen und so am Aufschwung teilhaben. Die restlichen 90 Prozent dürfen sich als Mitarbeiter auf freie Stellen bewerben. Die Schweiz wäre ein Weltkonzern – von der EU mit einem Kniefall begrüsst.

Seine Parteifreunde, alle fundierte Kenner der Wirtschaft, würden den grössten Teil des Verwaltungsrats und der Kaderstellen bestücken. Als gewieftem Taktiker war Schneider-Ammann klar, dass er auch die anderen Parteien mit Pfründen versehen musste. Aber das kannte er ja noch aus der Privatwirtschaft. Der SVP würde er als Juniorpartner den anderen Teil der Chefetage überlassen.

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Ausserdem musste man ein Plätzchen für die Bauern und die Armee finden, um nicht den legendären Zorn der Volkspartei zu entfachen. Die Bauern würden Rüebli und Härdöpfel, Milch und Fleisch für die Betriebskantinen produzieren und Landschaftspflege auf dem weitläufigen Firmengelände betreiben. Die Armee würde das Sicherheitspersonal für die Firma stellen und dafür sorgen, dass keine ausländischen Terroristen eindringen.

Für die SP-Gutmenschen würde er eine Abteilung für unternehmensinterne Seelsorge schaffen und einen Kummerkasten für Angestellte installieren, den die SPler dann öffneten und darüber interne Berichte verfassten. Die Grünen würde er den Nachhaltigkeitsbericht schreiben lassen, den man – auf Recyclingpapier gedruckt – umweltgerecht im Altpapier entsorgen konnte.

Bei der CVP stockte Schneider-Ammann. Es wollte ihm nicht einfallen, wozu man sie gebrauchen konnte. Vielleicht für eine Beratungsstelle für Mitarbeiterinnen, die wieder zurück an den Herd wollten.

Am nächsten Tag berief Schneider-Ammann eine Medienkonferenz ein und verkündete seinen Coup. Die Worte sprudelten aus seinem Mund, er brannte, bebte, von Leidenschaft und Feuer getrieben. «Es lebe die SSSS AG!», rief er und schaute in die Menge. Zwei Journalisten waren eingenickt, der dritte blickte geistesabwesend aus dem Fenster.