Einen rechtsfreien Raum - das sehen Bürgerliche im Berner Kulturzentrum Reitschule; Rotgrün hält es für einen Hort der Autonomie. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Meine gelegentlichen Abstecher in die Reitschule sind Ausflüge in meine Flegeljahre - ab einer gewissen Reife geniesst man Anarchie lieber in kleinen Dosen. Nach dem letzten Besuch lauerte aber schon unmittelbar vor dem Kulturzentrum das Gesetz. Es stand auf der anderen Seite des Fussgängerstreifens in Gestalt von zwei Polizeibeamten. Während der eine die Personalien eines Betrunkenen kontrollierte, äugte der andere argwöhnisch über die Strasse. Die Fussgängerampel hatte gerade auf Rot gewechselt. Da stand ich nun; vor mir die Staatsgewalt, hinter mir die Reitschule.

Ich blickte mich um. Kein Verkehr. Unbeobachtet würde jeder normale Mensch jetzt über diesen Fussgängerstreifen gehen. Der Beamte musterte mich. Sein Arm ruhte lässig auf dem Pistolenhalfter, die Hand an der Gürtelschnalle. Ich sah nach rechts und links und zurück zum Polizisten. Es war zu spät, um beiläufig auf den Streifen zu treten. Würde ich losgehen, wäre das eine offene Provokation.

Vier Bier hatten leider den kleinen Punk in mir geweckt, und der versuchte nun, meine gemässigteren Seiten in eine fruchtlose Diskussion über Grundrechte und Obrigkeitshörigkeit zu verwickeln. Allerdings fand selbst mein bürgerliches Ich - trotz Vorbildfunktion und Sicherheitsdenken -, dass man unter den gegebenen Umständen die Strasse überqueren sollte. Und ein weiterer Teil von mir war einfach müde, wollte möglichst schnell nach Hause und stimmte deshalb ebenfalls dafür. Eigentlich war ich mir also einig. Für einen mündigen Bürger gab es keinen Grund, diese Strasse nicht zu überqueren. Die Frage war: Wie sieht das mein Freund und Helfer? Seine Augen blitzten unter der Schirmmütze hervor; der Blick wanderte hoch zur Ampel schräg über mir und wieder zurück. Das war deutlich. Nun ging es nicht mehr nur um Staat gegen Freiheit - nun war es persönlich.

Ich würde jetzt über diesen Fussgängerstreifen gehen und lächelnd eine Busse wegen Nichtbeachtens eines Lichtsignals bezahlen. 20 Franken sind ein guter Preis für meine Selbstachtung - ein Schnäppchen. Ich würde dem traurigen Systemdiener die Machtlosigkeit starrer Regeln gegenüber der Freiheitsliebe des einfachen Mannes vor Augen führen. Wehret den Anfängen! Jetzt war die Zeit, aufrecht über diesen Fussgängerstreifen zu gehen - und es gab nichts, was das Blauhemd dagegen tun könnte. Als ich auf den gelben Streifen trat, schnellte der Blick des Polizisten hoch zur Ampel - sie zeigte ein grünes Männchen. Selbstbestimmung ist halt auch eine Frage des Timings.

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