Der Schriftsteller Peter Bichsel hat mir jüngst mit einem schelmischen Lächeln gesagt: «Dich treffe ich meist zu Hause auf dem WC.» Ein schöner Gedanke: der Beobachter als stiller Begleiter zu Bichsels stillem Örtchen. Das beflügelt natürlich die Phantasie: Wird der begnadete Kolumnist gar von unserer Schlusspunkt-Kolumne inspiriert? Oder lässt sich Bichsel von der Titelgeschichte fesseln und verlängert so seine Sitzung über das Notwendige hinaus? Führt bei seiner WC-Lektüre der Zufall Regie, oder steigt Bichsel in entspannter Atmosphäre gleich über die Rubrik «Geniessen» ein? - Ich muss wohl beim nächsten Treffen genauer nachfragen.

Zugegeben: Wir haben da so unsere eigenen Vorstellungen, wo und wie das Produkt unserer täglichen Arbeit konsumiert wird. Wir sähen den Beobachter gerne auf dem Chefpult liegen - und dahinter ein Boss, der unsere kritische Berichterstattung zum Anlass nimmt, ein paar Missstände zu beheben. (Manchmal geschieht das ja tatsächlich.) Schön ists natürlich auch, wenn wir lustvoll in der Badi gelesen werden - selbst wenn wir unser Blatt nicht gerne mit Sonnencreme befleckt sehen. Wohl gefühlt haben wir uns auch in der Rolle als «Geburtshelfer» für Fiona: In der betreffenden Nacht hat der werdende Vater über Stunden der Mutter die Zeit zwischen den Wehen verkürzt, indem er immer neue Geschichten aus dem Beobachter vorgelesen hat. Die Geburt verlief entspannt.

Wunderbar, dass der Beobachter in so viele Welten passt. Dafür strengen wir uns ja auch gehörig an: Wir feilen an unseren Artikeln, wir suchen die besten Bilder, wir sorgen für einen guten Themenmix und komponieren unser Heft sorgfältig von vorn nach hinten durch. Ob unsere Leserinnen und Leser ahnen, wie viel Engagement wir in unser Blatt investieren? Wir vertrauen fest darauf - auch wenn dieser Glaube gelegentlich erschüttert wird. Zum Beispiel neulich im Zug von Wil nach Winterthur: Eine unbekannte Dame setzt sich zu mir ins Abteil und kramt den Beobachter aus ihrer Tasche. Ich freue mich auf eine unentgeltliche Studie über das Leseverhalten meiner Nachbarin. Sie öffnet denn auch zielbewusst das Heft und widmet sich sogleich - dem Rätsel.

Das ist bei weitem nicht der herbste aller denkbaren Schicksalsschläge. Demut lehrt - neben Bichsels WC - auch ein Leserbrief, der in der Chefredaktion vererbt wird. Darin teilt uns Frau J. Winkler aus Russikon am 30. Dezember 1966 mit, dass sie nicht mehr Velo fahren könne und nur noch 14 Hühner habe. Deshalb brauche sie künftig den Beobachter nicht mehr: «Habe damit immer die Eier eingewickelt für auf die Eiertour.»

Quelle: Luca Schenardi