Die Worte «Durchschnittliche Wartezeit: vier Minuten» wandern in Leuchtschrift über die Anzeigetafel in der Poststelle. Ich ziehe nicht eine Nummer, sondern zwei; 73 und 74. Ich warte sowieso, da kann ich gleich für andere mitwarten. Irgendeine junge Schönheit werde ich gleich mit dem Wertvollsten überhaupt bedenken: Zeit. Ja, meine Auswahlkriterien sind oberflächlich, aber innere Werte bieten nun mal keine Entscheidungsgrundlage in dieser Situation.

Also harre ich der Wesen, die der Zufall in den nächsten Minuten durch die Drehtür schicken wird – wem will ich ein paar Minuten seines Lebens schenken? Ich bin Herr über die Zeit; heute ist ein guter Tag.

Nacheinander betreten eine Familie, zwei Männer und eine ältere Dame die Post – alle nicht meine Zielgruppe. Da. Eine zierliche Gestalt eilt in den Saal. Weisse Wollhaube, Mitte zwanzig – Typ gestresste Studentin.

Sie zieht Nummer 81, seufzt und stellt sich neben mich. Die 72 leuchtet auf. Perfekt. Willkür hat einen viel zu schlechten Ruf, denke ich und strecke Weissmützchen beiläufig mein zweites Zettelchen hin: «Die ist schneller als deine.» Sie blickt auf die Anzeige. Ungläubiges Strahlen. «Voll nett, merci!» Ich lächle wortlos und gehe zum Schalter B, an dem die 73 aufgerufen wird. Bloss nicht aufdringlich wirken. Bern ist ein Kaff, irgendwann werden wir uns über den Weg laufen: Bist du nicht? Doch, genau – dann wird sie ihren Freundinnen sagen, ich sei der, von dem sie erzählt habe; und mich unglaublich interessant finden, weil ich so ganz ohne Hintergedanken Gutes tue, und ihre Freundinnen werden denken, dass ihre Typen allesamt Versager sind, weil denen nie so etwas in den Sinn kommt. Mann, bin ich gut.

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Ich gebe mein Paket ab und gehe raus; beschwingt von der Macht, die diese Zettelchen verleihen – es sind nur Minuten, aber die können über alles entscheiden. Vielleicht habe ich dem Mädchen sogar das Leben gerettet, weil sie nun nicht bei Rot über die Strasse hetzen muss. Schicksal, Baby. Ich bin ein Weltenlenker. Anderseits: Vielleicht hätte sie jemand zurückgehalten – jemand, dem sie nun nicht begegnen wird, weil sie drei Minuten zu früh ist.

Ein dunkler Schatten legt sich über meine Allmachtsphantasie: Verantwortung. Vielleicht wird sie meinetwegen ihre grosse Liebe nicht treffen; nie mit ihm Kinder haben und kein Haus in Muri kaufen. Vielleicht wird sie von einer abstürzenden Leuchttafel jämmerlich erschlagen, weil ich Gott ins Handwerk gepfuscht habe. Ich blicke zurück. Weissmützchen kommt mit einem Bogen Briefmarken aus der Post.

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Ich sollte ihr sagen, dass es ihre Ehe und das Leben ihrer ungeborenen Kinder rettet, wenn sie jetzt einfach drei Minuten hier stehenbleibt. Sie würde kaum auf mich hören. Also muss ich sie zwingen. Ich entreisse ihr den Bogen und stopfe ihn mir in den Mund. «Was soll die Scheisse?!», schreit sie mich an. Ich kaue auf den Briefmarken herum und versuche zu schlucken. Es sind selbstklebende. Der Leim schmeckt bitter, und die Kanten graben sich tief in mein Zahnfleisch. «Du dämlicher Psycho!» Mag sein, Schätzchen, aber immerhin lebst du morgen noch. Sie stampft wütend in die Post zurück. Bestimmt wird sie ihren Freundinnen von mir erzählen.