Dann stiegen meine Frau, die Tochter und ich in ein Postauto um und setzten unsere Reise fort. Fuhren bergan. Tatü-tata. Tatü-tata. Spitzkehre um Spitzkehre, Höhenmeter um Höhenmeter, und bei Einfahrt ins Zieldorf, eine Dreiviertelstunde später, kotzte die Tochter zum zweiten Mal.

Doch wir hatten es geschafft.

Ankunft Vargistan, Graubünden. Oder Würgistein oder ähnlich. Ich will den Namen für immer vergessen. Einer dieser Orte weit hinten in den Bergen, wo die Strasse einfach endet.

Ein befreundetes Paar feierte in Vargistan ein Fest. Zehn Jahre Ehe. Heute feiert man dieses Datum, und dagegen ist auch überhaupt nichts einzuwenden. Nur: warum in der Fremde? Wo man hinter jedem Fenster, die an Schiessscharten erinnern, einen Alpöhi vermutet und wo die Strasse endet und hinter dem Berg das Ausland beginnt? Vargistan oder Würgistein ist dreieinhalb Stunden mit dem öffentlichen Verkehr von zu Hause entfernt. Mit Kotzen gefühlte sechs Stunden.

Dabei wohnen praktisch alle geladenen Gäste in derselben Stadt wie das Gastgeberpaar. Aber nein, Vargistan muss es sein! Warum? Die beiden Jubilare haben sich in Vargistan zum ersten Mal geküsst. Deshalb müssen wir Freunde auch dorthin reisen, wo die Flammen der Liebe gezüngelt haben. Die Magie des Orts elektrisiert und euphorisiert die beiden Turteltauben noch zehn Jahre später. Bloss übertrug sich diese Power irgendwie nicht auf uns Gäste.

Im Aargau ists doch auch schön

Mir hätte auch eine Waldhütte in der Nähe gereicht. Und das Feuer der Liebe kann man doch auch in der engeren Heimat wieder entfachen. Oder an einem See? Was gibts am Hallwilersee auszusetzen? Der Aargau ist, nebenbei, auch sehr schön und total unterschätzt und macht mich immer wieder happy.

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Sie wenden ein: Nun hab dich mal nicht so, du Sauertopf. Lebe! Sie missverstehen: Ich trinke gern, esse gern, feiere gern. Doch das sind alles Tätigkeiten, denen nicht zwingend dort nachgegangen werden muss, wo die Strassen einfach aufhören.

Einfach zu Hause bleiben, meinen Sie? Sagen Sie mal Freunden ab, die ein zweites Mal Hochzeit feiern. Und das ist es doch, so ein 10-Jahr-Jubiläum: eine Art zweite Vermählung. Nein, das wäre mehr als unhöflich. Man muss da hin. Aber es bleibt, man kann es nicht anders formulieren, Nötigung. Eine Art Zeitraub.

In meinem Freundeskreis stehen einige 10-Jahr-Feiern an. Weil man dieses Datum heute feiert und man dort feiert, wo man sich das erste Mal geküsst hat, und man nicht absagen kann, habe ich vorsorglich herumgefragt: Hey, wo habt ihr euch eigentlich das erste Mal…?

Hier die Liste: Pragelpass, Engadiner Skimarathon, Drehrestaurant Schilthorn, Mumbai, SAC-Hütte Tierbergli, Höllgrotten Baar.

Das kann ja heiter werden!