«Biegen Sie rechts ab, bitte, hier, da da da, rechts, b-i-t-t-e!» Das sage ich nicht, sondern denke es nur, inständig, doch die Taxifahrerin fährt ungerührt geradeaus und erzählt an einem Band weiter: «...sein offenes Bein, wissen Sie, das heilt ja nicht mehr, seit drei Jahren nicht, daran sind wohl die Drogen schuld...» Die Taxifahrerin geht dazu über, mir die tägliche Reinigungsprozedur der eiterverkrusteten Fleischwunde an ihres Sohnes Bein detailliert zu erläutern, weshalb ihr entgeht, welch existenzieller Kampf sich im Fond ihres Wagens abspielt: Meine Höflichkeit ringt mit meiner Verzweiflung, dazwischen ich, mit dem Schicksal hadernd. Meine Verzweiflung verlangt sofortiges Eingreifen, doch meine Höflichkeit verbietet es mir: «Man kann doch nicht kleinkariert auf den richtigen Weg hinweisen, während sie gerade vom Nahtoderlebnis ihres drogenkranken Sohnes berichtet.»

Ich bin unterwegs zum Abendessen bei Freunden etwas ausserhalb von Zürich, pünktlich zu Hause losgefahren, rund 15 Minuten Taxifahrt, Kosten zirka 25 Franken. Wenn man Richtung Osten fährt. Doch sie fährt Richtung Norden. Und das konsequent: Schon wieder ignoriert sie eine der raren Möglichkeiten, rechts abzubiegen. Verzweiflung beisst leise ins Sitzpolster, Höflichkeit guckt schuldbewusst aus dem Fenster. Inzwischen haben sich stille Wut und schwindendes Mitgefühl zu uns gesellt. Ich komme innerlich immer in eine sehr schwierige Situation, wenn jemand mich unsensiblerweise nötigt, grob zu werden. Meine Hoffnung redet mir gerade gut zu, ich solle ganz ruhig bleiben, der Taxifahrerin gingen jetzt sicher langsam die Krankheitsgeschichten aus und vielleicht nehme sie ja die nächste Gelegenheit, rechts abzubiegen, wahr.
Um 18 Uhr hätte ich bei meinen Gastgebern sein sollen, mittlerweile ist es 18.15 Uhr, der Taxameter bei 50 Franken und meine Laune im Eimer. Die Taxifahrerin erzählt gerade, dass es ihr ja gesundheitlich auch nicht gut gehe: Magengeschwür... wässrige Bläschen auf der Haut, die immer wieder aufplatzen... sehr übler Ausschlag...

Apropos: Es ist schwer zu sagen, was schliesslich den Ausschlag gab, aber plötzlich sagte eine entschlossene Höflichkeit mit kleiner, fester Stimme: «Bitte, entschuldigen Sie, hallo, ähm - sorry, ich unterbreche Sie ja nur ungern, aber könnten Sie jetzt bitte mal endlich rechts abbiegen, Sie fahren ja völlig falsch, Heilandsack.» Verzweiflung, Wut, Mitgefühl, Hoffnung und Taxifahrerin gucken Höflichkeit erstaunt an.

Um 18.25 Uhr bin ich schliesslich am Ziel und um rund 70 Franken ärmer - mein Mitgefühl bestand darauf, noch 10 Franken Trinkgeld zu geben. Seither fahre ich wieder mit dem Bus, das ist psychologisch einfacher zu verkraften.

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