Herr Kanagaratnam sitzt auf dem Stühlchen mit dem Pilzbildli, Frau Hussein auf jenem mit dem Pinguin, Herr Memedi auf dem Hocker mit dem Tukan und Frau Hämmerli auf dem Zwerg. «Ein Znüni muss gesund sein», erklärt Frau Hungerbühler. Im Kreis, halb kauernd, folgen wir Eltern den Ausführungen der Kindergärtnerin beim ersten Elternabend. «Es gibt nicht nur Äpfel und Birnen. Geben Sie Ihrem Kind doch mal rohen Kohlrabi oder Blumenkohl mit.»

«Rohen Blumenkohl?», wagt Frau Hussein zu fragen. Und schon fuchtelt die Kindergärtnerin mit dem weissen Gemüse vor dem Gesicht der Muslimin rum. «Ja, das ist gut. Probieren Sie doch mal.» Die Hand der Kindergärtnerin verharrt so lange vor dem Mund der Frau, bis sie ihn öffnet und den Blumenkohl isst. Sie kaut und kaut. «Stimmts etwa nicht?» Hussein nickt und würgt.

Knut, der grüne Kobold

Hungerbühlers ernährungswissenschaftliche Autorität ist nun unantastbar. Wir begrüssen Knut, den Gemüsekobold, der ein Broccoli ist, viele Kinder zu Hause und im Kindergarten besucht und uns Eltern die Ernährungspyramide rauf- und runterjagt. Sein Lieblingslied ist der Birchermüesli-Samba. «Schäle, schniide, schnätzle, raffle, das gid eim viel Froid bim frohe Schaffe.»

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Dann basteln wir alle miteinander eine Ernährungspyramide aus Karton. Herr Kanagaratnam darf ein Rüebli ausschneiden, Frau Hussein einen Fenchel, Herr Memedi eine Flasche Milch und Frau Hämmerli eine Scheibe Vollkornbrot. Zum Abschied schenkt uns die Kindergärtnerin einen Kraftstoffanzeiger. Dieser signalisiert uns, ob wir bis zum Abend unsere fünf Portionen Obst und Gemüse gegessen haben.

Als ich meiner Tochter am nächsten Morgen eine Banane zum Znüni mitgeben will, schüttelt sie den Kopf. «Zu viel Fruchtzucker», erklärt sie und verlangt Weisskohl. Der habe sogar mehr Vitamin C als eine Zitrone. Auch das Weggli am nächsten Tag weist sie zurück. Weissmehl sei ungesund. Sie will Peperoni und erzählt mir entrüstet von Luna, die doch tatsächlich ein Konfibrot in den Kindergarten mitgenommen habe! Frau Hungerbühler hat ihr verboten, es zu essen.

Im zweiten Kindergartenmonat verweigert meine Tochter auch die Einnahme von rotem Fleisch und fordert mehr Hülsenfrüchte und Fisch. Im dritten schiebt sie eines Abends den Teller mit den Gschwellten zur Seite. Kartoffeln müsse man sehr zurückhaltend essen. Sie habe diese Woche bereits eine gehabt.

Happy End beim Happy Meal

Zeit, einzuschreiten. «Sag deiner Kindergartenlehrerin, die Low Glycemic Index Pyramid nach Prof. Ludwig sei veraltet», belehre ich nun mein Kind. «Wir richten uns ab sofort nach der LOGI-Pyramide von Dr. Nicolai Worm. Rotes Fleisch erlaubt. Hülsenfrüchte nur massvoll.»

Am Samstag gehe ich zu McDonald’s. Etwas Happy Meal braucht auch der LOGI-Pyramiden-Mensch. Hinter dem Ficus isst Herr Kanagaratnam einen Cheeseburger, unter der Treppe schlemmt Frau Hussein ein McFlurry Solero Red Berry, und im oberen Stock beisst Frau Hungerbühler in einen Big Mac.