Den Müll am richtigen Tag und im korrekten Sack vor die Haustür stellen, sich beim Metzger nicht vordrängeln, die Nachbarn freundlich grüssen: So etwa stelle ich mir die Inhalte vor, die den frisch zugezogenen Ausländern an Integrationskursen vermittelt werden. Und so nehme ich an, dass auch Frau Hugentobler, die Nachbarin aus dem dritten Stock, nur das Beste im Sinn hat, wenn sie den beiden Mietparteien mit fremdländischen Namen eine Lektion erteilt. «Vergessen Sies», schrieb sie barsch auf einen Zettel in der Waschküche, als Yildirims scheu fragten, ob man nicht einen Kübel für die Flusen aus dem Trockner hinstellen könnte, «vergessen Sies, Sie müssen Ihren Dreck schon selbst entsorgen. Sonst ist hier sofort ein Saustall!»

Nun zählen die Waschküchen gewiss zu den beliebtesten Konfliktregionen in Schweizer Mehrfamilienhäusern. Nehmen wir nur den Waschplan. Da erfrechte sich doch Familie Chaudhuri im September, einen von fünf Samstagnachmittagen zu reservieren. Doch sie hatte nicht mit Frau Hugentobler gerechnet, die mit schöner Regelmässigkeit alle Wochenenden für sich beansprucht. Einen Tag nach Chaudhuris unbotmässigem Eintrag hing bereits der Plan fürs nächste halbe Jahr an der Wand - und selbstverständlich hatte sich die Frau aus dem dritten Stock sämtliche Samstage und sämtliche Sonntage gesichert.

Darum verwundert es auch nicht, dass Frau Hugentobler sofort einschritt, als ich eine einzelne Socke auf die ansonsten tipptopp geputzte Waschmaschine legte: Ich hatte sie nach dem Waschen zwischen meinen Kleidern gefunden, sie gehörte mir aber nicht. (Normalerweise ist es ja umgekehrt, aber das ist eine andere Geschichte.) Wenige Stunden später hatte sie einen fein säuberlich computergeschriebenen Anschlag aufgehängt. Die Waschküche, so empörte sie sich, sei doch keine Texaid-Sammlung, sonst hätten wir hier - Sie ahnen es - rasch einen «Saustall».

So fügten sich die Puzzlesteine in meiner Vorstellung von Frau Hugentobler nach und nach zum Bild einer, sagen wir es vorsichtig, rechtschaffenen Schweizerin gesetzteren Alters zusammen. Denn gesehen hatte ich die Nachbarin aus dem dritten Stock auch ein Jahr nach meinem Einzug noch nie - bis sie letzte Woche direkt vor mir ihren Briefkasten leerte. Ein Blick, und es war klar, dass die höchstens 25-jährige Frau Hugentobler vor ihrer Hochzeit mit Herrn Hugentobler Sellathurai oder Elankumaran oder so ähnlich geheissen haben muss. Und seither frage ich mich, ob man auch überassimiliert aus einem Integrationskurs kommen kann.

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