Da hat man sich eine solche Mühe gegeben. Hat mit Akribie alles umschifft, was einen in den Verdacht hätte bringen können, «trendy» zu sein. Hat anderseits gegen jede Vernunft an Dingen festgehalten, die dazu erkoren waren, von der Modeströmung auf die Halde gespült zu werden. An Vinyl-Platten etwa. So lange, bis einen das hippe Personal in den CD-Shops beim Wort «Platte» nur noch konsterniert anschaute.

Und jetzt das! «Du lebst ja voll trendy», sagte mir kürzlich jemand, von dem ich glaubte, er sei ein Freund. Was er meinte: Ich arbeite im furchtbar coolen Partyquartier Zürich-West und wohne in Sichtweite des neuen, extrem angesagten Zürcher Einkaufstempels Sihlcity. In der Stimme des Exkollegen lag das wattige Timbre von Neid - der Typ meinte es tatsächlich ernst. Das traf mich im Innersten, denn wenn ich eines nicht sein will, dann trendy. Trendy ist, was alle tun. Wie Schafe, die dem Schäfer hinterhertrotten. Wellenreiter, Wetterfahnen, Wendehälse.

Was ist nach einem solchen Tiefschlag zu tun? Ganz einfach: Platte auflegen (korrekt: Vinyl) und sehr laut den Lieblingssong reinziehen. «I’m not like everybody else» (Ich bin nicht wie alle anderen) von den Kinks. Angejahrte, ehrliche Musik, die sonst kein Mensch mehr hört.

Im Fussball (richtig: dieses alte, redliche Spiel, bei dem elf Freunde gegen elf andere Freunde antreten und man sich am Schluss brüderlich die Hand reicht) - im Fussball also gibt es für das Phänomen, stets zur schicken Mehrheit zu gehören, eine treffende Wortschöpfung: «Modefans». Sie sind immer für die, die gerade am Gewinnen sind, und behaupten frech, nie für jemand anderen gewesen zu sein. Ich verachte Modefans. Dafür mag ich: FCZ-Fans, die es schon waren, als der Klub noch gegen den Abstieg spielte und es nicht zum Anschauen war. Und GC-Fans, die es auch heute noch sind, obwohl das so was von uncool ist.

Ein schönes Bild, um zu erklären, was ehrbar wäre, nicht wahr? Im wirklichen Leben liegen die Dinge freilich so: Weil mit Uncoolem kein Geschäft zu machen ist, hat der Sportladen im kultigen «Sihlcity» (ja gut, ich war dort, man will ja doch irgendwie bei den Leuten sein) kein einziges GC-Leibchen in der Auslage. Das allein liesse sich weiss Gott verschmerzen, und doch geriet meine geordnete Welt bei der kleinen Feldforschung im Reich des Trendigen heftig ins Wanken. In der Musikabteilung ereilte mich nämlich ein - um es modern auszudrücken - Backlash: Im Regal «Vinyl» (!) lag zuoberst eine Platte (!) der Kinks (!), darauf, wie eine zynische Botschaft, das Stück «Dedicated follower of fashion» (vereinfacht übersetzt: Modefan).

Und so verliess ich diesen unseligen Ort fluchtartig.

Quelle: Luca Schenardi