Dabei könnte ich friedlich am Gleis stehen, dort, wo mein Waggon gleich halten wird. Genau wie die Mitpendler, auch sie nur scheinbar zufällig platziert. Ich könnte aus meiner beizeiten bezogenen Position die junge Blonde belächeln, die immer im letzten Moment den Perron betritt, ein SMS lesend am ersten Wagen vorbeischlendert, um 20 Sekunden vor Abfahrt in den zweiten zu steigen. Sie sieht irgendwie englisch aus. Engländer sind bekannt für ihre Nervenstärke.

Ich bin kein Engländer. Aber trotzdem noch später dran als die Blonde. Denn ich erkenne keinen Reiz darin, jeden Morgen, ob es stürmt oder schneit, in meiner Warteposition die Zeit totzuschlagen. 30 Sekunden vor der Abfahrt den Perron zu betreten reicht vollauf, sage ich mir, denn Schweizer Züge fahren nie zu früh ab. Es sind solche Gewissheiten im Alltag, die letztlich das Land zusammenhalten. Also kann ich mir getrost die 20 Sekunden nehmen, die ich zu meinem Wagen brauche. Bleiben immer noch 10 Sekunden zum Türöffnen und Einsteigen. Routine.

Bis ich die Szene mit den Augen des Lokführers betrachtete: Im Rückspiegel der leere Perron, alle Türen wieder zu, selbst die Engländerin endlich drin, und nur dieser Langweiler latscht geradezu provokativ zum vorderen Wagen…

In der Zeitung habe ich neulich über Leistungsprämien bei Verkehrsbetrieben gelesen. Und mich gefragt: Was müssen Tramchauffeure und Lokführer eigentlich tun, um leistungsmässig aufzufallen? Extra Zwischenhalte einlegen? Oder jede Woche früher ankommen?

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Der Trämler macht auf Conférencier

In den Zürcher Trams hört man immer öfter, wie Chauffeure sich in Richtung Leistungsprämie vorarbeiten. Das klingt dann so: «Guten Morgen, im Gebäude links befindet sich die Ausstellung Körperwelten.» Oder am Hauptbahnhof: «Gute Weiterreise, schönen Abend, verpassen Sie nicht Ihren Zug und achten Sie darauf, beim Aussteigen kein Gepäckstück zu vergessen.» Fast wie im Flugzeug, auch wenn sich vorläufig noch keine Kontrolleurinnen im Gang aufstellen, um Notausgänge und Schwimmwesten zu zeigen. Aber mit Angaben zu Aussentemperatur, Reisegeschwindigkeit, Ankunftszeit und Wetter am Zielort dürfte bald zu rechnen sein.

Vorerst wäre es allerdings schon ein Fortschritt, wenn ausnahmsweise mal die Tür geöffnet würde für den verspäteten Fahrgast, der hektisch auf den Knopf drückt. Das gilt auch für die SBB. Jedes Mal, wenn ich am Abend den Zug superpünktlich vor meiner Nase wegfahren sehe und dann eine Miene aufsetze, als hätte ich sowieso lieber einen späteren nehmen wollen, frage ich mich, ob sich hier einer der Lokführer gerächt hat, die ich morgens ständig provoziere.

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Denn bestimmt überlegen auch sie, wie sie zu einer Leistungsprämie kommen. Wenn einer nicht den Alleinunterhalter spielen, sondern mit Timing punkten will, wird er sich vielleicht jeden Morgen fragen, ob er dieses Mal – zumal praktisch alle schon an Bord sind – probeweise etwas früher abfahren könnte…

Jedenfalls verzichte ich neuerdings darauf, allzu gemächlich zu meinem Wagen zu trotten. Sondern zeige guten Willen, indem ich etwas gehetzt tue. Ich lege gern auch ein paar Meter Zwischenspurt hin oder steige notfalls zwei Wagen früher ein, wenn ich beim Blick zur Lok ein ungutes Gefühl kriege. Selbst wenn laut Fahrplan noch eine halbe Minute Zeit ist. Irgendwann will auch der Lokführer seine Prämie.