Im Himmel, so geht ein Witz, sind die Schweizer die Organisatoren und die Italiener die Liebhaber. In der Hölle ist es umgekehrt.

Klischees, natürlich. Aber ich kenne Hausfrauen in Zürich, die Plastiktaschen einzeln rollen und nach Grösse in einer Schublade ordnen, gleich neben den sauber aufgewickelten Schnurresten. Meine Bekannten in Rom hingegen knüllen Tüten zusammen, stopfen sie in einen Sack an der Küchentür, und Schnürchen sammelt sowieso keine. Auch ich suche geduldig Parklücken und stelle meine Parkscheibe korrekt ein. Freunde in Mailand lassen ihren Wagen auf der Strasse stehen, schalten den Warnblinker ein und setzen sich in die Bar.

«Svizzerotto», spotten Italiener, wenn jemand mit pathologischem Ordnungswahn nervt. Schweizer sind für sie die Lachnummer, während wir umgekehrt die mediterrane Haltung des Menefreghismo («Mir doch wurst») nervig finden und Trottoirparkierer anzischen, man sei doch hier nicht in Italien.
Auch in Liebesdingen offenbart das Klischee unsere Defizite. In einschlägigen Umfragen wird zwar gelogen, dass die Bettfedern quietschen. Aber etwas muss dran sein, wenn Frauen weltweit schwärmen, Italiener seien die feurigsten Liebhaber, derweil die Schweizer Männer in den Befragungen nicht mal vorkommen. Und etwas muss auch dran sein, wenn die Männerwelt die leidenschaftliche italienische Frau seit Jahrhunderten verehrt und begehrt, ihre Schweizer Schwester jedoch als Aschenputtel links liegen lässt. Schweizer Ordnungssinn und Bettlangeweile, Menefreghismo und südliche Liebesglut, das eine ist offenbar ohne das andere nicht zu haben.

Doch wir dürfen hoffen. Italianità ist in Schweizer Städten seit längerem chic - mit Caffè Latte unter Topfpalmen und Abfallhaufen wie in Neapel. Italianità herrscht auch im Bahnverkehr, dem Inbegriff schweizerischer Planung und Ordnung. Die Doppelstockwagen der Zürcher S-Bahn sind so konstruiert, dass, wer hinauf will, links einsteigen sollte, und wer unten sitzen will rechts. So könnten alle kreuzungsfrei zu ihren Plätzen gelangen. Aber sie steigen rechts ein und biegen links ab und umgekehrt! Oder auf der Rolltreppe: Hier gilt «rechts stehen, links gehen». Sie machens umgekehrt! Und oben angelangt, bleiben sie stehen und palavern, während hinten die Rolltreppe weiterschiebt. Kreuzverkehr, Stau, Rempelei, Chaos. In der Deutschschweiz breitet sich offenbar der Mirdochwurstismus aus. Eine atemberaubende Perspektive: mediterrane Glut nun auch in ordentlichen Schweizer Betten - der Himmel auf Erden.

Quelle: Luca Schenardi