Mit 20, frisch vom Land in die Stadt gezogen, war Duzen für mich das Grösste. Ob in einer Beiz, beim Velohändler oder in irgendeinem billigen Kleiderladen, ich duzte drauflos und wurde zurückgeduzt. Ich gehörte dazu.

Nun liegt mein 20. Geburtstag nobel ausgedrückt schon eine Weile hinter mir, und mein Bedürfnis, dazuzugehören, wird durch die Menschen, zu denen ich wirklich gehöre, absolut befriedigt. Die Konsequenz: Je grauer meine Haare, desto eher ziehe ich es vor, auch jüngere Mitmenschen zu siezen. Damit diese nicht das Gefühl haben, ich würde mich bei ihnen einzuschleimen versuchen. Und um mir immer wieder zu versichern, dass ich mit meinem Alter klarkomme und das nicht nötig habe.
Nun haben dummerweise besagte jüngere Mitmenschen ein Problem damit. Trete ich in ihren Laden, so läuft in den Köpfen der Frecheren unter ihnen in etwa diese Abwägung ab: «Der Typ ist mindestens 15 Jahre älter als ich. Aber in diesem Laden hier duzen sich alle, also duze ich ihn auch.» Die Scheuen unter besagten jüngeren Mitmenschen retten sich in ein «Hallo», was auch nichts anderes heisst als: «Deine grauen Haare hindern mich leider daran, dich direkt zu duzen.»

Muss ich mich also damit abfinden, dass ich jedes Mal, wenn ich ein T-Shirt kaufen oder ein Bier trinken will, mich gleich von jedem duzen oder an-halloen lassen muss? Muss ich nicht, habe ich beschlossen. Seither benutze ich in den Einkaufsläden konsequent und in den Beizen mindestens bis zum zweiten Bier das Sie. Knallhart und ohne Rücksicht auf mitleidig-schräge Blicke, die mir klarmachen, dass ich damit definitiv nicht mehr dazugehöre.

Der feste Vorsatz ist das eine, die praktische Umsetzung im Alltag das andere. Kürzlich stand ich an der Theke einer Zürcher Bar, versuchte den Blick des Barkeepers zu erhaschen und bereitete mich innerlich auf das nächste Du eines mindestens zwanzig Jahre jüngeren Mitmenschen vor. Es kam: «Was wotsch?», fragte der Schnösel. Statt mein lang ersehntes Bier zu bestellen, versuchte ich es mit einer Kurzlektion in Sachen Höflichkeit gegenüber Älteren: «Hei mir scho mau zäme Söi ghüetet?», fragte ich zurück. Für Nicht-Berner: Das ist die bernische Art, jemandem klarzumachen, dass man gesiezt zu werden wünscht. Die deutliche bernische Art.

Mein Gegenüber schaute mich fragend an: «Was häsch gseit?» Ich werde mir wohl meine wenigen schwarzen Haare auch noch weiss färben müssen.

Quelle: Luca Schenardi