Seit kurzem gibt es eine Fotokamera, die auslöst, sobald die fokussierte Person - lächelt. Von der Prominenz sind wir das Dauerlächeln ja gewohnt. Ein Vertreter dieses Schlages würde nicht mal damit aufhören, wenn man ihm während des Fotografiertwerdens einen Finger abhackte. Das ist gewissermassen professionell.

Bald werden aber auch Tante Trudi, Onkel Albert und Nichte Vanessa auf Fotos nur noch albern, kichern, quietschen und wiehern. Aus den Tiefen der Familienalben wird ein nicht enden wollendes Gelächter erschallen. Und weil heute nicht nur Exhibitionisten, sondern auch Tante Trudi und Onkel Albert ihre Privatbilder ins Internet stellen, ist dasselbe bald eine Fundgrube für jeden Zahnarzt.

Bisher war der Dentalklempner darauf angewiesen, dass der Patient auf der Liege kapitulierte und ihm seinen offenen Mund darbot. Erst dann konnte er seine Diagnose stellen. Das ist mit den Internetalben nun überflüssig. Der Zahnarzt kann bequem von zu Hause aus Ferndiagnosen erstellen. Seien es freiliegende Zahnhälse, geschwollene Interdentalpapillen, gerötete Zahnfleischränder oder drohender Zahnbettschwund: Tante Trudi und Onkel Albert müssen bald mit Gratisofferten rechnen. Oder Nichte Vanessa mit der Empfehlung, sich eine Zahnspange montieren zu lassen. Es soll sogar noch Menschen geben, die Amalgamplomben in ihren Mundhöhlen versteckt halten. Auch sie werden wohl bald ungefragt mit Kostenvoranschlägen für die Bergung dieser Giftmulden eingedeckt.

Goldene Aussichten für unsere Zahnärzte. Und man könnte jetzt lamentieren: Immer bekommens die, dies schon haben. Jedoch: Möchten wir in ihrer Haut stecken? Auch der Zahnarzt ist ein Mensch und genehmigt sich, vermuten wir, gerne ein Schlummerbier zum Fernseh-«Tatort». Da möchte er eine Kommissarin möglichst ohne Zahnspange sehen und an Karies nicht mal denken müssen. Doch weil das Fotografieren ein Volkssport ist, wird er bald nicht mal mehr in Ruhe einkaufen können. Denn ständig wird er Dauerlächlern begegnen. Das ist für einen Zahnarzt, wie wenn einem Automechaniker auf Schritt und Tritt unbekannte Leute unaufgefordert die Motorhaube ihres Autos öffneten, mit der Bitte, mal kurz einen Blick auf die Benzinpumpe zu werfen. Was den bedauernswerten Zahnärzten nun bevorsteht, eine Welt lauter behandlungsbedürftiger Patienten - diesen Alptraum wünscht man nicht mal seinem ärgsten Feind.

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