Max liess seine Hand aufs Glas sinken und sagte: «Nein danke. Ich habe aufgehört mit Alkohol.» Seither trinkt Max beim Jassen nur noch Tee, und mir wurde an diesem Abend schlagartig bewusst, wie tief wir schon in eine Entweder-oder-Gesellschaft hineingerutscht sind. Immer mehr Menschen in meinem Bekanntenkreis hören endgültig und ganz und gar mit etwas auf. Oder aber sie praktizieren etwas ganz und gar übertrieben. Eben gestand mir ein Freund, wie er mich bewundere für meine Fähigkeit, nur ab und an nach dem Essen eine Zigarette zu rauchen. Ihm gelinge das nicht, in kürzester Zeit werde er zum Kettenraucher; daher enthalte er sich strikt.

Ein Bekannter verschenkte vor ein paar Wochen seinen TV-Apparat. Damit begnügt er sich aber nicht, er muss das auch der ganzen Welt mitteilen. Offenbar macht totale Abstinenz nur Spass, wenn die Umwelt davon in Kenntnis gesetzt wird. Mir sind auch nur noch Leute bekannt, die entweder überhaupt nicht tanzen oder aber für eine Flamenco-Meisterschaft trainieren. Wo sind bloss jene Mitmenschen geblieben, die ein bisschen foxtrötteln?

Kürzlich lud ich zu einer Grillparty ein. Bratwürste, Cervelats, Pouletschenkel, sogar Tee für Max, alles war organisiert. Ich wusste nicht, dass ich auch Vegetarier eingeladen hatte. Jedenfalls machten die einen Aufstand und verlangten nach Gemüse. Nicht einmal zum Verzehr auch nur eines Wurstzipfelchens waren sie zu überreden - als ob sie die Krätze bekämen. Das Grillfest war nicht mehr zu retten.

Auch kenne ich fast nur noch solche, die immerzu daran sind, sich auf einen Marathon vorzubereiten, oder solche, die Sport gänzlich verweigern. Und da fällt mir ein, wo ist eigentlich der Sonntagsfahrer geblieben?

Es gibt ihn nicht mehr. Entweder man fährt hemmungslos jeden Tag mit dem Sechszylinder zur Arbeit, oder man lebt ohne.

Sogar in der Haartracht schlägt sich das alles nieder. Oder wann haben Sie zuletzt Geheimratsecken gesehen? Eben. Wem die Haare langsam abhandenkommen, der macht heutzutage kurzen Prozess - und trägt Glatze.

Schlecht sind die Zeiten für das Moderate, die Mässigung, die Mitte. Also auch für FDP und CVP. Sie haben das gleiche Problem wie die Geheimratsecken. Und so wundern wir uns nicht, wenn den Mitteparteien das gleiche Schicksal droht: das Verschwinden.

Quelle: Luca Schenardi
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