Wenn es morgens regnet und ich nicht mit dem Velo zur Arbeit fahren kann, verdirbt mir das stets die Laune. Im Tram ärgere ich mich über alleinerziehende Mütter und ihre schreienden Kinder. Noch mehr ärgere ich mich, wenn mein entnervter Blick vom hilflosen einer Mutter erwidert wird, der um Verständnis bittet. Verständnis? Habe ich nicht. Ich bin ja nicht schuld, dass die Bälger so früh am Morgen in die Krippe müssen. Und ich habe auch kein Verständnis für alte Leute, die sich ausgerechnet zur Stosszeit ins Tram mosten müssen. Die können ihre Kom­missionen doch weiss Gott auch tagsüber erledigen.

Aber am meisten ärgere ich mich dann jeweils über mich selbst. Weil ich offenbar nicht die Fähigkeit habe, mich in fremde Menschen hineinzuversetzen. Verständnis für die Lage anderer bringe ich offensichtlich nicht auf. Dabei wäre ich als alleinerziehende Mutter mit einem weinenden Kind im Arm die Erste, die genau das von einem missmutigen Kerl wie mir erwarten würde. Als alter Mann erst recht: Einen wie mich würde ich mitleidig anschauen und mir denken, dass auch er mal alt wird und dann dankbar sein soll, wenn er noch ausgefüllte Tage hat.

Darüber sinnierte ich, als ich an einem regnerischen Nachmittag im Tram sass und zu einer Besprechung fuhr. Da stiegen ein paar Teenager ein und waren etwas gar ausgelassen. «He, du bist doch auch mal jung gewesen!», sagte ich zu mir. Vor lauter Autosuggestion hätte ich beinahe die Information der Züri-Linie überhört: Es wurde eine Streckenblockierung wegen eines falsch parkierten Wagens vermeldet. Die Fahrgäste erhielten die Information, dass sie nur noch von A nach B kommen würden, wenn sie mit Tram X oder Y den Umweg über C in Kauf nähmen. Und am Schluss der Durchsage hiess es wie immer: «Wir bitten Sie um Verständnis.»

Wie bitte? Wofür soll ich noch Verständnis haben? Für den unschuldigen Sprecher, der solch komplizierte Verlautbarungen alle paar Minuten wiederholen muss? Oder für die Verkehrsbetriebe, die ihre Fahrgäste nicht im Regen stehenlassen wollen? Oder gar für den Trottel, der seinen Wagen auf dem Gleis abgestellt hat? Verständnis? Wäre nicht eher die Bitte am Platz, sich nicht zu ärgern?

So einfach ist es wohl nicht. Vermutlich braucht man Verständnis, wenn man sich nicht ärgern soll. Oder nicht? Kann man Verständnis aufbringen und sich trotzdem aufregen? Oder umgekehrt? Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass ich null Verständnis für meinen Ärger habe und mir noch heute eine Pelerine kaufe, damit ich bei jedem Wetter mit dem Velo unterwegs sein kann. Aber kann ich auf dem Velo über mich und meine Vorurteile nachdenken?