Die Erinnerung an den Tag, an dem sein Leben zerstört wurde, hat sich tief in Walter Itens Seele gefressen. «Es war um Viertel vor acht in der Früh, als plötzlich vier Polizisten durch den Stall stürmten. Zwei Mann packten mich von hinten unter den Achseln. Die zwei andern ergriffen mich je an einem Fuss. Ich begann zu strampeln und auszurufen.»

Die vier Polizisten warfen den am Melkstuhl angeschnallten Landwirt brutal auf den Boden. Iten: «Ich hörte es in der Wirbelsäule knacken und wusste sogleich: Jetzt haben sie mir den Rücken gebrochen.»

Danach schleppte die «Sondergruppe Luchs» der Zuger Polizei – eine Art Antiterrorkommando – Iten gefesselt in einen Transporter. Kein Arzt kümmerte sich um ihn. Erst nach Stunden liess man den Verletzten wieder frei.

Gewiss: Walter Iten war kein bequemer Bürger. Er war bekannt für seine verbal unbeherrschte Art. Weil er nach der Ehescheidung gewisse finanzielle Forderungen als ungerechtfertigt empfand, kam es zu Betreibungsverfahren. Die Polizeiaktion sollte den Mann für ein paar Stunden ruhig stellen, um dem Pfändungsbeamten ein ungestörtes Arbeiten vor Ort zu erlauben.

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«Masslos übertriebener» Einsatz?
Viele, die Walter Iten kannten, halten den Einsatz in dieser Art für «masslos übertrieben». Auch Itens spätere Anwältin Ursula Kohlbacher beteuert: «Sicher, Walter Iten konnte wüst ausrufen und auch drohen. Tatsache aber ist, dass er nie jemanden körperlich angegriffen hatte.»

Die Folgen des Eingriffs waren für Walter Iten gesundheitlich und auch finanziell katastrophal. Die Krankenkasse verweigerte die Ubernahme der Arztkosten. Die Begründung: Walter Iten habe den Wirbelbruch selbst zu verantworten – als Folge seines Widerstands gegen die Staatsgewalt. Fortan bezahlte der Landwirt – widerborstig, wie er nun mal war – keine Krankenkassenprämien mehr. Wenigstens hielt sein Hausarzt zu ihm: Er «vergass» verständnisvoll die Honorarrechnungen.

Seit der Polizeiaktion – sie erfolgte am 28. April 1994 – war der damals 50-jährige Landwirt ein gebrochener Mann. Ämter und Behörden bis hinauf zum Regierungsrat waren für ihn fortan ein rotes Tuch.

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Als der Beobachter zwei Jahre nach der «Kuhstall-Aktion» in der Fernsehsendung «Quer» über den Fall berichtete und den Zuger Justizdirektor Hanspeter Uster mit Walter Iten konfrontierte, überschüttete der Bauer den Regierungsrat mit einer Schimpftirade – das Trauma jenes Aprilmorgens hatte den Mann aus der Bahn geworfen.

Das spürte auch Regierungsrat Uster. Er versprach, den Fall abzuklären. Falls sich zeige, dass Walter Iten Unrecht geschehen sei, wolle er eine Wiedergutmachung im Rahmen des Möglichen anstreben.

Nach der «Quer»-Sendung begannen die staatlichen Mühlen Zugs langsam zu mahlen. Hanspeter Uster hielt sich zurück: offiziell im Interesse der Gewaltentrennung. Im Vordergrund stand vorerst die Frage, ob den beteiligten Polizisten eine «fahrlässige schwere Körperverletzung» vorzuwerfen sei.

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Zwar war längst klar, dass der Landwirt bei seiner «Sicherstellung» tatsächlich eine Fraktur des zweiten Lendenwirbels erlitten hatte. Dennoch schleppten sich die Untersuchungen vier Jahre dahin. Sie endeten erst im Dezember 1999 – mit einer 30-seitigen Einstellungsverfügung, in der betont wurde, die Polizisten hätten angesichts der «bekannten Gefährlichkeit Walter Itens» angemessen gehandelt.

Ärzte sprechen Klartext
Da die Polizisten im Verlauf der Untersuchung sogar den Wirbelbruch angezweifelt hatten, wurde ein zusätzliches Gutachten bei der Zürcher Universitätsklinik Balgrist eingeholt. Die Zürcher Ärzte sprachen Klartext: Der Kausalzusammenhang zwischen dem Polizeieinsatz und der Wirbelsäulenfraktur bestehe «mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit».

In der amtlichen Einstellungsverfügung wird das Gutachten mit dem zynisch wirkenden Satz kommentiert: «Walter Iten konnte sich am Balgrist-Bericht, der ihn zumindest im Zivilverfahren in eine äusserst günstige Position manövriert hätte, nicht lange freuen. Sechs Wochen später, am 16. März 1999, zirka 02.00 Uhr, verstarb er an seinem Wohnort.»

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Ursache für Itens plötzlichen Tod war eine innere Blutung. Doch jene Leute, die neben der grobschlächtigen Art auch die guten Seiten des Mannes kannten, drückten sich weniger wissenschaftlich aus. «Gebrochener Rücken, gebrochenes Herz», sagten sie.

Itens Tod erlöste die Staatsorgane von der unbequemen Frage, ob der Landwirt eventuell doch ein Schmerzensgeld für die Folgen der brutalen Festnahme zugestanden wäre. Diese Frage ist jetzt überflüssig: Tote haben keine Schmerzen mehr.