Eine 0:1-Heimniederlage gegen den ewigen Rivalen aus Basel ist nicht gerade die Art von Erfahrung, die ein 17-jähriger Fan des FC Zürich sucht. Ein Besuch in Handschellen auf dem Polizeiposten mit vollständigem Ausziehen, Vorwürfen und einer entsetzten Mutter ebenso wenig. Und auch darauf, als «Hooligan» registriert zu sein, ist kein Fussballfan scharf.

Daniel Kistler hat am 9. April 2007 diese Erfahrungen gemacht. Der Kochlehrling, der als Gelegenheitsfan keiner Ultra-Gruppierung angehört, hatte den Match in einer Bar in der Zürcher City am Fernsehen mitverfolgt. Auf dem Heimweg ins Limmattal stieg er im Bahnhof Altstetten aus, um einen Freund zu treffen – und geriet mitten ins Chaos, weil FCB-Anhänger dort gerade ihren Extrazug in Beschlag nahmen.

Darüber, was dann geschah, gibt es zwei Versionen. Daniel Kistler und sein Freund gaben zu Protokoll, sie hätten nur aus Neugier zugeschaut, wie die Basler Fans in den Zug stiegen und schliesslich abfuhren. Die Polizei jedoch, die die beiden kurz danach aufgriff, behauptete, sie hätten FCB-Fans und Beamte mit Steinen beworfen. Die Jugendanwältin, die sich mit einer Anzeige wegen Landfriedensbruchs gegen die beiden befassen musste, kam zum Schluss, dass sich dies aus dem Polizeirapport nicht nachweisen lasse: Sie stellte das Verfahren ein, nach dem Grundsatz «in dubio pro reo» – im Zweifel für den Angeklagten.

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Ausgestanden war die Sache für Daniel Kistler damit jedoch nicht – sie ist es bis heute nicht. Die Polizei hatte ihn nämlich auch mit einem Rayonverbot belegt und ihn der nationalen Hooligan-Datenbank «Hoogan» gemeldet. Und dort bleibt er bis auf weiteres auch fichiert. Eine Einstellung des Verfahrens, die bloss «in dubio pro reo» erfolgt sei, reiche nicht aus, um seinen Eintrag zu löschen, beschied ihm das Bundesamt für Polizei. Anders ausgedrückt: Auch wer sich im juristischen Sinn nichts hat zuschulden kommen lassen, kann nach Lesart der Polizei ein «Hooligan» sein. Zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein und zu gaffen, öffnet der Willkür Tür und Tor.

«Nur aus Neugier zugeschaut»

Entsprechend schnell wächst die Datenbank. Waren nach dem ersten Jahr ihres Bestehens 260 Personen erfasst, so stieg die Zahl bis Ende 2008 auf 506 an. 2009 kamen bisher weitere 210 dazu, allein in den letzten sieben Monaten 160 Personen. Und wer einmal drin ist, bleibt dies eine Weile: Frühestens drei Jahre nach dem Auslaufen einer «Massnahme», also eines Stadion- oder Rayonverbots, wird der Eintrag gelöscht.

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Bleibt die Frage nach dem Nutzen. Die nach jedem Risikospiel verfassten Berichte würden helfen, das Gewaltpotential der Fans bei kommenden Spielen abzuschätzen, sagt ein Polizist, der sich in der Szene auskennt. Die Einträge über die einzelnen Fans seien aber im Einsatz rund um einen Match kaum brauchbar. Den harten Kern kenne man sowieso, und für einen unmittelbaren Datenabgleich vor dem Spiel habe man in den meisten Fällen keine Zeit.

Daniel Kistler hat nach der Erfahrung mit der Polizei die Freude am Fussball weitgehend verloren. Sein Interesse gilt seit einiger Zeit vielmehr dem Schiesswesen. Der Sportschütze würde sich dazu gerne eine eigene Waffe besorgen, muss aber noch bis mindestens Ende Februar 2011 warten. Dann erst wird sein Eintrag in «Hoogan» gelöscht, und sein Leumundszeugnis wird wieder unbefleckt sein.

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Hintergrund: Sitzplätze und «Fancards»

Die «Hoogan»-Datenbank ist nicht das einzige Mittel im Kampf gegen gewaltbereite Sportfans. Neben der Pflicht für Sitzplätze und eingeschränktem Alkoholausschank im Stadion steht auch eine «Fancard» für alle Match­besucher zur Diskussion. Eine ähnliche Idee, gemäss der man sich für den Gästesektor hätte ausweisen sollen, scheiterte 2006: Die Fans kauften sich einfach Tickets für andere Sektoren.