Man möchte am liebsten wegschauen. Oder, besser noch, den Fernseher gar nicht erst einschalten und auf die abendlichen Nachrichten verzichten. Was dort serviert wird, so der Stossseufzer vieler Menschen, sei doch nur die «tägliche Horrorshow». Die vergangenen Wochen stehen beispielhaft für den ebenso abstossenden wie ermüdenden Rhythmus des Schreckens, der durch die Medien in unsere Haushalte dringt: Auf dem Bildschirm allgegenwärtig ist die schwarze Flagge von Isis, jener barbarischen Islamisten, die rund um die Welt Furcht und Entsetzen verbreiten und zu militärischen wie politischen Gegenmassnahmen zwingen.

Da sind die zynischen Menschenschmuggler, die ein Flüchtlingsboot im Mittelmeer rammten und mehr als 500 Menschen elendiglich ertrinken liessen. Dem tödlichen Ebolavirus, von US-Präsident Barack Obama zur «globalen Gefahr» erklärt, fallen in Westafrika immer mehr Menschen zum Opfer. Derweil geht die Schlächterei in Syrien weiter, obwohl mittlerweile viele TV-Kameras auf neue, «aufre­gendere» Geschehnisse gerichtet werden.

Das mediale Menü des Schreckens ist reichhaltig, an Abwechslung mangelt es nicht: Hiobsbotschaften von der Umweltfront, Überschwemmungen, der Schatten eines neuen kalten Kriegs in Europa. Und stets besonders deprimierend, weil ein­tönig und repetitiv: Nachrichten von der Finanzmisere, die nie zu enden scheint. Zumal nicht in Europa.

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Selfie-Kult und Schlafwandler

Auch nachdenklicherer Stoff, der sich bewusst abheben will vom schreierischen, bildergetriebenen Katastrophenjournalismus, vermag die düstere Grundstimmung nicht zu vertreiben. Selbst die Sorgen der an gründlicher Information interessierten Zeitgenossen wachsen, wenn China seine Pazifikflotte aufrüstet und immer öfter die Muskeln spielen lässt. Der Streit über ­Inseln und Bodenschätze auf dem Meeresgrund könnte leicht militärische Konflikte heraufbeschwören mit Japan und Vietnam, von Taiwans Ängsten gar nicht zu reden.

All dies könnte und sollte uns Euro­päern die Illusion austreiben, dass wir in dem postmodernen Idyll leben, in dem wir begonnen hatten, uns behaglich einzurichten. Gewiss besorgt ums Klima und über globale Erwärmung, aber zugleich missbilligend auf Warner schauend, die darauf verweisen, dass selbst das friedliche westeuropäische Biotop doch nur dank dem amerikanischen Schutzschirm blühen und gedeihen konnte.

Jetzt suggerieren die Bilder von enthaupteten Geiseln, von Kreuzigungen und Massenhinrichtungen aus dem Nahen Osten, dass nichts noch so Ungeheuerliches unmöglich erscheint.

Widerwillig vernehmen wir, dass nun selbst Obama einen «Generationenkonflikt» mit dem fundamentalistischen Islamismus verkündet. Und das von jenem Präsidenten, der sich bis vor kurzem stets einer versöhnlichen Rhetorik bediente und auch auf Verständigung setzte mit der ­sunnitisch-islamischen Welt und dem schiitischen Mullahregime in Teheran, das nach nuklearen Waffen drängt.

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Jetzt dämmert uns, dass der Konflikt mit den verschiedenen Varianten des ­islamischen Extremismus von al-Qaida, Hamas, Boko Haram, al-Schabaab und Hisbollah lang, blutig und kostspielig wird. Dadurch kompliziert und erschwert, dass wir in einer Welt der Globalisierung und der Migrationsströme leben, durch die einst homogene Gesellschaften dramatisch verändert wurden, wohlhabender, aber auch komplizierter und gefährdeter.

Was also tun? Wegschauen, auf Nachrichten ganz verzichten? Sich zurückziehen auf Familie und Freunde und ansonsten die bedrängende Welt draussen lassen? Das wäre eine Möglichkeit.

Eine nicht unbeträchtliche Minderheit in unseren Gesellschaften hat schliesslich ohnehin stets so gehandelt; als «Schlafwandler» bezeichnete sie der Philosoph Arthur Koestler wegen der völligen Beschränkung auf sich selbst und die eigenen, eng gefassten Interessen.

In gewisser Weise hat sich diese Haltung weiterentwickelt und ist mutiert in das moderne Phänomen der «Selbstbesessenheit», ein auffälliges Merkmal der ­Selfie-verliebten jüngeren Generationen. Selbst die Kreise, die Wert legen auf Kenntnis, wenn nicht Teilhabe am politischen Geschehen, neigen dazu, ihren Konsum der bildlastigen TV-Informationen drastisch einzuschränken.

Die Jüngeren haben sich ohnehin bereits weitgehend vom Fernsehen ab­gewandt. Die Teenager haben sich in «Screenager» verwandelt, die ihre Informationen via Smartphone und Computer beziehen. Sie navigieren durch die digitale Multikanalwelt, oft unter bewusstem Verzicht auf alle traditionellen Informationsangebote. Sie konsumieren «News» vorab in Filmclips und Bildern, via Social Media wie Youtube, Twitter und Facebook.

Demokratie erfordert Teilhabe

Eine andere Verweigerungsstrategie gegen das «Zuviel an Katastrophen» ist die Flucht in Gegenwelten, in die virtuelle Realität. Mittlerweile tummelt sich eine ansehn­liche Minderheit von Senioren in diesem einst jungen Digitalterrain.

Doch Realitätsverweigerung wie das Ausblenden des Flusses von Informationen ist bedenklich und nur in eingeschränktem Masse ratsam. Zumal der Verzicht auf unerfreuliche und erschreckende News rasch ein ernsthaftes Dilemma ­he­raufbeschwört. In Europa und in der westlichen Welt leben wir, selbst wenn wir das nur ungern eingestehen, in privilegierten Verhältnissen. Wir geniessen Rechte und Freiheiten, die in der Geschichte der Menschheit äusserst selten waren, die wir aber als selbstverständlich erachten. Un­sere plebiszitäre Demokratie etwa garantiert dem Volk das Recht, über viele Fragen direkt abzustimmen.

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Der springende Punkt dabei ist, dass Demokratie ein Mindestmass an Teilhabe und Kenntnis verlangt über das, was vor sich geht. Informationsverweigerung um der privaten Ruhe willen kann deshalb ­keine Lösung sein. Zudem wird die Ruhe, die sich nach dem Medienverzicht einstellen mag, früher oder später doch als trügerisch entlarvt. Denn der Rückzug ins Pri­vate bedeutet nicht, dass die Welt da draus­sen im selben Zustand verharrt.

Ignoranz schützt nicht, sie kann sich als gefährlich erweisen. Demokratisierung und Informationsrevolution bedingen sich gegenseitig.

Es ist deshalb schwierig, ein probates Mittel gegen den medialen «Overkill» an Schrecken zu entwickeln, das nicht die Freiheit und damit die Demokratie gefährdet. Aber es kann hilfreich sein, zumindest die Mechanismen zu begreifen, die am Werk sind und Nachrichten in DesasterNews verwandelt haben.

Die Vermittlung von Informationen ist heute geprägt durch drei Faktoren: Simplifizierung, Sensationalisierung und Emotionalisierung. Das Fernsehen ist nach wie vor das einflussreichste und prägendste Medium unserer Epoche, auch wenn der digitale Fortschritt viele weitere «Screens» geschaffen hat.

All diese Medien, ob etabliert oder neu, haben eines gemein: Die Informationen, die sie liefern, werden überwiegend durch Bilder transportiert. Bilder aber wirken ­besonders stark auf die Emotionen. Mao Tse-tung hat das gewusst und in seine Herrschaftsstrategie einkalkuliert, wie die Nazis vor ihm und andere totalitäre Sys­teme. Laut Mao Tse-tung ist «ein Bild ­wirkungsvoller als tausend Worte».

Bilder und Emotionen dominieren

Wo Emotionen aber der entscheidende Faktor sind, werden Inszenierungen immer wichtiger. Vor einigen Wochen wurde das vorexerziert. Die Hamas benutzte die erschütternden Bilder von toten Kindern und Ruinen bewusst propagandistisch. Demgegenüber wurden beinahe alle internationalen TV-Teams daran gehindert, ­Bilder zu filmen, die die zynische Strategie der Terrororganisation offenbarten und zeigten, wie die eigene Bevölkerung dazu gezwungen wurde, als menschliche Schutzschilde zu dienen oder in ihren Häusern zu bleiben trotz den von Israel ­angekündigten Bombardements.

Die Frage stellt sich, warum sich die Medien so stark aufs Negative konzentrieren. Ist es Abgebrühtheit von zynischen Journalisten oder die Profitgier von Me­dienkonzernen, wie Kritiker gern behaupten? Es ist nicht zu leugnen: Schlagzeilen buhlen immer reisserischer um unsere Aufmerksamkeit. In immer kürzeren Abständen jagen Wellen der Panik durch ­unsere hektischen Mediendemokratien, ob über Nahrung, Gesundheit, Einwanderung oder Verbrechen. Die schnellen Medien kreieren eine permanente Wolke der Hysterie, die leicht die Sinne vernebelt und ­nebenbei das Regieren schwerer macht.

Geistige Anforderungen zu stellen mit nüchterner differenzierter Berichterstattung geht dabei leicht verloren. Zu stark ist die Wirkung der Bilder von Katastrophen, Elend, von Bomben und Artillerieeinschlägen und von Massakern in Afrika.

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Warum die Besessenheit, mit der sich TV-Teams und Fotografen darauf stürzen?

Wer den Medien die Schuld daran gibt, macht es sich zu einfach. Das Bedürfnis, schlechte Nachrichten zu vernehmen, ist offenkundig tief in unserer Natur verankert. Wir wollen die Nachricht über den einen Zug, der verunglückt ist oder schwer verspätet eintrifft, nicht über die 99 Züge, die pünktlich am Ziel ankommen. Die ­Medien wissen um die uns innewohnende Lust auf «bad news», sie mögen die nie­deren Instinkte des Katastrophenvoyeu­rismus gezielt ansprechen – aber diese ­In­stinkte, Sehnsüchte und Erwartungen sind in uns angelegt, sonst könnten sie nicht so erfolgreich angesprochen werden.

Herzige Tierfilmchen helfen nicht

Bezeichnend ist, dass alle ernsthaften Versuche, positive Nachrichten zu propagieren, gescheitert sind. Bestenfalls mündeten sie in «Herzblut»-Stücke, die oft und gern am Ende von TV-Nachrichten feilgeboten werden mit amüsanten Bildern von nied­lichen Tierchen oder Kindern. Ansonsten bleibt es die Domäne von Diktatoren, «positive» Nachrichten zu verordnen.

Gleichwohl soll das nicht heissen, dass die Medien nicht Verantwortung trügen für Fehlentwicklungen oder nicht bedenklichen Trends Vorschub leisteten. Auf dem vernetzten Planeten werden alle Katastrophen, egal, wo sie sich ereignen, sogleich ins digitale Gedächtnis eingespeist und sind damit für jedermann zugänglich. Der globale Medienkatastrophismus, der sich dadurch herausbilden konnte, bleibt nicht folgenlos. Er half, eine Art «präapokalyptische Gemütslage» zu schaffen. Die Welt­lage ist dunkel, beinah hoffnungslos. So sehen es viele, vor allem die­jenigen, die viel zu verlieren haben. Deshalb wünschen sie nur noch abzuschalten, nichts mehr zu hören oder zu sehen von Isis, neuen Enthauptungsvideos, Kriegen und Elend, sterbenden Kindern, todbringenden Viren und schmelzenden Gletschern.

Ein gutes Rezept gegen den medialen Deprostrom und gegen die Flut verstörender Bilder ist es, einmal zurückzuschauen und sich die Lebensverhältnisse in Erinnerung zu rufen, die noch vor 100 oder selbst 50 Jahren herrschten.

Das reale Bild birgt Hoffnung

Wer sich darauf einlässt, wird angenehm überrascht sein. Gemessen an den Verhältnissen, lebt die Menschheit selbst heute, in einer Zeit von Angst und Pessimismus, besser als je zuvor. Weniger Menschen sind Kriegen oder Konflikten ausgesetzt, mehr Menschen geht es besser als je zuvor. Die Welt bietet eine Fülle positiver Nachrichten: Arbeitsteilung, Handel, der Austausch von Ideen, möglich geworden in einer vernetzten, globalisierten Welt.

Wissenschaftlicher und technologischer Fortschritt befreite die Menschheit von Krankheiten, die vor kurzem noch als unbesiegbar galten, von Hunger, Not und Entbehrung. Der Anteil der Weltbevölkerung, der europäisches Wohlstandsniveau erreichte, schnellte dramatisch nach oben. Das gilt nicht nur für Indien und Asien, sondern auch für Afrika, den Sorgenkontinent der Welt.

Die Bewohner unseres Planeten verdienen heute inflationsbereinigt im Schnitt dreimal so viel wie vor 20 Jahren, sie verzehren einen Drittel mehr Kalorien, ver­lieren weniger Kinder und Erwachsene an Krankheiten wie Diphtherie, Pocken, Malaria und Typhus. Auch hat sich die durchschnittliche Lebenserwartung deutlich erhöht, wir alle leben länger und gesünder als jemals zuvor.

Zum Zustand der Welt von heute lässt sich mehr Gutes sagen, als gemeinhin angenommen wird. Dieses positivere Bild ­erschliesst sich jedoch nur selten beim Konsum der TV-Nachrichten, die ihren ­eigenen Gesetzmässigkeiten folgen und verpflichtet sind, heftige, kurzzeitige Ausschläge im Leben der Nationen und Individuen aufzugreifen und abzubilden.

Das mag wie ein schwacher Trost ­klingen, aber es kann helfen, das dumpfe Gefühl der Machtlosigkeit angesichts der Schrecknisse, die real sind, zu mindern.