Beobachter: 100 Jahre nach dem Bau der Jungfraubahn hat der Tourismuspionier Schweiz Investitions-Nachholbedarf. Hat uns Österreich schon abgehängt?
Urs Eberhard: Das Blatt hat sich wieder gewendet. Bei den touristischen Übernachtungen haben wir stärkere Zuwachsraten als Österreich. Das Modell Schweiz kann so schlecht nicht sein. Wir profitieren von der Einmaligkeit dieses Landes, von den vier Kulturen, von der Authentizität. Dubai muss sich immer wieder neu erfinden, um bestehen zu können. Ein Matterhorn aber bleibt ein Matterhorn.

Beobachter: Solange niemand darauf baut…
Eberhard: Auf dem Matterhorn zu bauen dürfte schwierig sein. Doch ein Blick von der Rigi ist etwas, was nicht künstlich kreiert werden kann. Das ist unser Vorteil. Aber es stimmt: Wir haben zum Teil noch unzeitgemässe Strukturen. Da ist in den letzten Jahren einiges in Gang gekommen.

Beobachter: Was halten Sie von den Bauplänen in Andermatt? Da geht es ja um eine für die Schweiz neue Idee: das Resort.
Eberhard: Das Projekt unterscheidet sich nicht von anderen Hotelkomplexen. Anders ist, dass die ganze Infrastruktur nach amerikanischem Modell in einer Hand sein wird.

Beobachter: Ist das Resort das Konzept der Zukunft?
Eberhard: Absolut. Der Gast ist in der Vielfalt der Angebote oft verloren. Das Internet macht zwar vieles transparent, aber es überfordert auch. Das Resort ist ein One-Stop-Shop. Ich bin an einem einzigen Ort, kann aber alles: Skifahren, Wellnessen, Golfen.

Beobachter: Ich dachte, der Gast von heute sucht die Authentizität?
Eberhard: Das Resort wird ja in ein natürliches Umfeld gebaut. Wer auf den Gemsstock geht und runterschaut, hat dasselbe Erlebnis wie vor 30 Jahren. Wenn nun in einem Hochtal ein Komplex gebaut wird, dort die Schweizer Gastfreundschaft gepflegt wird und die Qualität stimmt, ist das absolut kein Widerspruch.

Beobachter: Steht aber ein Resort nicht im Widerspruch zum so genannt sanften Tourismus, den Sie seit Jahrzehnten propagieren?
Eberhard: Nein. Wir wollen den Gast dahin führen, wo er die Natur erleben kann. Wenn Andermatt ein Ort wird, wo man etwas erleben kann und gerne wieder hinkommt, dann haben wir unsere Aufgabe erfüllt. Der Fall läge anders, wenn das ganze Tal zubetoniert würde.

Beobachter: Wie steht es um die Golfplatzdichte in der Schweiz?
Eberhard: Die ist relativ hoch. Wir wissen aber, dass der Golfplatz weltweit ein immer wichtigeres Verkaufsargument ist. In der Schweiz liegt die durchschnittliche Aufenthaltszeit eines Gastes bei 2,4 Übernachtungen. Wenn es uns gelingt, die Leute länger hier zu behalten, ist das auch ökologisch sinnvoll. Ein Green ist ein gutes Argument, länger zu bleiben.

Beobachter: Andermatt ist nicht allein: In Arosa, Savognin, Bruson gibt es auch gigantische Projekte. Wird jetzt geklotzt?
Eberhard: Nein. Es wird gebündelt. Immer mehr Anbieter sehen ein, dass sie alles aus einer Hand anbieten müssen. Dafür braucht es auch eine gewisse Grösse.

Beobachter: Ein «Sheraton» ist ein «Sheraton». Von Authentizität keine Spur - ob auf Hawaii, in Dubai oder in Paris.
Eberhard: Das ist Ansichtssache. Ich glaube, dass man auch dort wahrnimmt, wo man ist. Aber klar: Resorts, die man als Gast kaum verlassen kann, verfehlen unser Ziel. Wenn wir unsere Gäste daran hindern, die Natur zu erleben, haben wir verloren.

Quelle: Nik Hunger