Als der Fotograf des Magazins «Life» durch den Sucher blickt, ist es gegen halb drei Uhr früh. Er befindet sich in einer Pizzeria in Havanna, er sieht biertrinkende Pärchen an Zweiertischen, die Stimmung ist aufgeräumt. Mitten unter den Gästen: zwei Männer in einem ernsten Gespräch. Einer in Anzug und Kra­watte, gestikulierend. Der andere, in Bart und Uniform, lauscht, zündet sich gerade eine Zigarre an. Der Fotograf drückt auf den Auslöser.

Der Uniformierte ist Fidel Castro, Kubas Máximo Líder. Der Mann im Anzug heisst Emil Anton Stadel­hofer, und ist Schweizer Gesandter in Kuba. Es ist Ende 1965, Stadelhofer handelt ein Abkommen zu einer Luftbrücke aus, über die Kubaner, die nicht unter Castros Regime leben mögen, in die USA ausreisen können. Als das Bild aus der Pizzeria am 5. November 1965 erscheint, schreibt «Life» flapsig von «Pizzeria-Diplomatie» – doch immerhin ermöglicht diese, dass über eine Viertelmil­lion Regimegegner die Insel sicher verlassen können.

54 Jahre lang im Dienst zweier Herren

Diese Szene steht für eine Epoche, die Anfang dieser Woche zu Ende gegangen ist: Am 20. Juli sind die Schutzmachtmandate der Schweiz ausgelaufen, die bislang die Interessen Kubas und der USA im jeweils anderen Land vertrat. Beide Länder, jahrzehntelang Erzfeinde, haben offiziell wieder diplomatische Beziehungen aufgenommen, eröffnen Botschaften, nachdem sie sie 1961 geschlossen und später durch «Interessensektionen» ersetzt haben.

Bald werden die Plaketten abgeschraubt sein, die die kubanische und die amerikanische Sektion unter den Schutz der Schweizer Botschaft stellten; das US-Personal, das mit Schweizer Diplomatenschildern durch Havanna fuhr, wird eigene Kontrollschilder erhalten. Nichts wird mehr daran erinnern, wie nah die Schweiz einst an der grossen Weltpolitik dran war.

Und zwar zu einem heiklen Zeitpunkt. Denn der Kalte Krieg gerät in eine heisse Phase, 1961, als die USA die Beziehungen zu Kuba abbrechen und die Schweiz bitten, ihre Interessen in Havanna zu vertreten. Zwei Jahre zuvor haben die bärtigen Rebellen unter den Brüdern Raúl und Fidel Castro und dem Argentinier Ernesto «Che» Guevara Diktator Batista weg­gefegt und die Insel auf sowjetfreundlichen Kurs gebracht.

Kaum haben die Schweizer Diplomaten in Havanna das Mandat der USA übernommen, verschärft sich das Klima. 1961 scheitert ein von der CIA organisierter militärischer Angriff auf die Karibikinsel. 1962 entdecken US-Flugzeuge auf Kuba sowjetische Mittelstreckenraketen und Truppen, die Abschussrampen bauen – nur knapp 300 Kilometer vor der Küste Floridas.

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In dieser Phase habe die Schweiz eine kaum bekannte Vermittlerrolle gespielt, sagt Christian Nünlist vom Zen­trum für Sicherheitsstudien an der ETH Zürich: «Sie hielt während der akuten Krise die Kommunikation zwischen zwei Erzfeinden aufrecht, die nicht mehr direkt miteinander sprachen.»

Che Guevaras Kleiderproblem

Ein Beispiel dafür sei die geheime Nachricht, die der US-Aussenminister über Botschafter Stadelhofer Fidel Castro zukommen liess. Inhalt: In der Nacht auf den 23. Oktober werden US-Flugzeuge zu Aufklärungsflügen starten und zu fotografischen Zwecken den Himmel über Kuba mit Raketen erleuchten – sie werden aber nicht ­angreifen. «Die kubanischen Streitkräfte blieben in jener Nacht dank der Warnung der Schweizer ruhig», sagt Nünlist. Auch als ein sowjetischer Pilot einige Tage später die Nerven verliert und eine US-Aufklärungs­maschine abschiesst, gelingt es der Schweiz, die Lage zumindest etwas zu entschärfen: Castro willigt ein, die Leiche des getöteten US-Piloten an Botschafter Stadelhofer zu übergeben und unter Schweizer Flagge nach Miami ausfliegen zu lassen.

Wie nah Stadelhofer an den bärtigen Revolutionären dran war, zeigen die Rapporte, die er nach Bern schickte und die heute auf der Website des Forschungsprojekts «Diplomatische Dokumente der Schweiz» zugänglich sind. 1964 etwa berichtet er, wie er Che Guevara zum Abendessen bei sich empfängt, um sich «in privater Weise zu unterhalten». Guevara, Industrieminister und ikonenhaftes Symbol der kubanischen Revolution, bittet ihn dabei um Verständnis, dass er an der bevorstehenden Welthandels- und Entwicklungskonferenz in Genf nicht in Zivilkleidern auftreten werde, sondern in Uniform – «darin fühle er sich viel wohler und wirke auch natürlicher».

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Übersicht: Schweizer Schutzmachtmandate seit 1946

Eine Liste aller Schutzmachtmandate der Schweiz seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs finden Sie in diesem Dokument.

Einige Monate später wird Stadelhofer nach einem Empfang beim japanischen Botschafter «freundlich gezwungen», neben Fidel Castro Platz zu nehmen. Es entspinnt sich eine vierstündige Diskussion in «surrealistischer» Atmosphäre, bevor Castro die Arbeit der Schweizer Botschaft lobt – und ihm, als Ausdruck der Wertschätzung der Schweiz, das olivgrüne Béret seiner Uniform schenkt. Der Di­plomat in seinem Bericht: «Eine Zurückweisung wäre unmöglich gewesen.»

1977 entkrampft sich das Verhältnis zu Kuba, und die USA eröffnen Interessenvertretungen. Auf dem Haus der US-Mission weht zwar noch die Schweizer Flagge, doch faktisch übernehmen wieder US-Beamte die konsularischen Arbeiten. Es ist ein Zeichen der Zeit: Ab 1977 sinkt die Wichtigkeit der Schutzmachtmandate generell.

Nur noch vier Mandate, aber wichtige

Die Schweiz hatte erstmals während des Deutsch-Französischen Kriegs von 1870/71 anderen Staaten ihre Dienste als diplomatische Schutzmacht angeboten; sie vertrat danach das Königreich Bayern und das Grossherzogtum Baden in Frankreich. Im 20. Jahrhundert stieg die Nachfrage stark an: Im Zweiten Weltkrieg vertrat die Schweiz die Interessen von bis zu 35 Ländern. Im Kalten Krieg liessen Krisen die Zahl der Schweizer Mandate regel­mäs­sig nach oben schiessen – wobei auch Länder wie Schweden, Österreich oder Polen eifrig als Schutzmächte tätig waren.

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Infografik: Anne Seeger (Beobachter), Quelle: Center for Security Studies, ETH Zürich.

Quelle: Getty Images

Seit 1990 haben zwischenstaatliche Konflikte stark abgenommen, Schutzmächte sind dadurch weniger gefragt. Zurzeit bleiben der Schweiz vier Mandate – darunter gewichtige: Sie vertritt mit gut einem Dutzend Angestellten die Interessen der USA im Iran und ist Schutzmacht Russlands in Georgien und umgekehrt.

Daraus ziehe die Schweiz durchaus Nutzen, sagt ETH-Historiker Christian Nünlist. Kuba etwa habe bedeutende Türen in Washington geöffnet. «Die Schweizer Aussenpolitik hat vom Zutritt zum Weissen Haus profitiert», sagt er. «Mit dem Wegfall des Mandats in Kuba ­verliert sie eine gute Plattform für den Zugang zu obersten Regierungskreisen in den USA.» Allerdings, so der ETH-Historiker, habe der ­Steuerstreit mit den USA gezeigt, «dass das Schutzmachtmandat nur bedingt für Goodwill in den bilateralen Beziehungen sorgen konnte».

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Botschafter Emil Stadelhofer erlebte die Normalisierung der US-kuba­nischen Beziehungen nicht mehr, er starb 1977. Fidel Castro lebt weiterhin. Zigarren raucht er allerdings keine mehr.