Die Frau spricht etwas hastig, aber konzentriert. Sie blättert im Fotoalbum, zeigt Bilder aus ihrer Jugend im Schweizerkolonistendorf Schabo am Schwarzen Meer, von der Flucht über den Balkan. Ihre Erregung ist spürbar. Ihr Mann, etwas bedächtiger, sagt einfach: «Das gibt’s doch nicht, dass jemand mit einem Schweizer Pass nicht in die Schweiz zurückkehren kann.»

Doch Ingrid Senn-Jundt, 64, hat es selber erlebt. Trotz ihrem Schweizer Pass, in dem steht, der Inhaber könne «jederzeit in die Schweiz zurückkehren», wurde sie von ihrem eigenen Heimatland abgewiesen. Zwar nicht an der Grenze, aber auf der Schweizer Botschaft im Ausland _ und das 1940, mitten im Zweiten Weltkrieg. Offizielle Begründung: die Arbeitslosigkeit in der Schweiz. Für Ingrid Senn «eine faule Ausrede».

Erst im Sommer 1997 wandte sie sich an die Unabhängige Expertenkommission Schweiz/Zweiter Weltkrieg. Die Bergier-Kommission hat diese Schilderung «mit grosser Betroffenheit zur Kenntnis genommen». Sie wird sich nach dem Goldhandelsbericht mit der Flüchtlingspolitik befassen und bald feststellen müssen, dass Ingrid Senn bei weitem nicht die einzige war. Mehrere hundert Auslandschweizer, die vor der Roten Armee flüchteten, wurden damals von den eigenen Behörden abgewimmelt und auf eine jahrelange Irrfahrt durch das kriegsversehrte Europa geschickt.

Trübes Kapitel der Geschichte
Wie bei Holocaust-Opfern ist die traumatische Erinnerung bis heute mit Schmerz und Verdrängung verbunden. Elsa S. aus W. zum Beispiel sagt am Telefon verbittert: «Ich lebe allein und will mit niemandem darüber reden. Diese Zeit ist vorbei.» Dann hängt sie auf.

Doch Ingrid Senn-Jundt will reden. Jetzt, da die Diskussion über die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg neu aufgeflammt ist, will sie das Schicksal der Schabo-Schweizer und deren dramatische Flucht publik machen.

Ingrid Senns Geschichte beginnt mit dem Einmarsch der Roten Armee in Bessarabien im Juni 1940. «Um neun Uhr morgens stand ein sowjetischer Kommissar vor unserer Haustür und wies uns an, binnen zwanzig Minuten Haus und Hof zu verlassen.» Ingrids Eltern und Grosseltern waren Kolonisten im Schweizer Weinbaudorf Schabo am Schwarzen Meer. Ihre Familie und drei Dutzend weitere Personen _ alles Schweizer mit Schweizer Pässen _ rafften einige wenige Effekten zusammen. Dann wurden sie per Auto und Schiff zur Schweizer Gesandtschaft nach Bukarest transportiert.

Dort erwartete die Flüchtlinge eine kalte Dusche: «Der Herr von der Gesandtschaft teilte uns mit, die Schweiz habe ihre Grenzen dichtgemacht und wir könnten keine Einreisebewilligung erhalten.» Grund: die hohe Arbeitslosigkeit in der Schweiz. Die gleiche Auskunft erhielten über hundert weitere Schabo-Schweizer, die Wochen später in Bukarest eintrafen. Sie alle hatten das Schweizer Bürgerrecht beibehalten oder in den dreissiger Jahren erneuert. Viele reisten mit dem Schweizer Pass im Sack, manche wehrpflichtigen Männer hatten jahrelang Militärpflichtersatz bezahlt.

Steuern ja - Einreise nein
So etwa Alexander Jundt, der als Doppelbürger im Ersten Weltkrieg in der russischen Armee Dienst geleistet hatte. Regelmässig bezahlte Jundt via Konsulat auch die Militärsteuer. Doch in Bukarest wurde der Weinbauer enttäuscht: «Ich war stark betroffen, als (Konsularagent) Girod mir mitteilte, dass die Schweiz ungern Rückwanderer aufnehme und es ratsam wäre, dass wir uns hier in Rumänien umsehen würden.»

Auch Arthur Gander, Sekretär des Ortsmuseums von Schabo, war ob der Auskunft schockiert: «Dieser Satz hat uns alle schwer beschäftigt und verfolgte uns während der ganzen Fluchtzeit _ bis zur Heimkehr in die Schweiz 1946.» Aus Ganders Dienstbüchlein ist ersichtlich, dass der Kolonist von 1922 bis 1940 total 2811 Franken Militärpflichtersatz bezahlt hatte: «Und jetzt wurden wir Schweizer Bürger in der eigenen Heimat ungern aufgenommen.»

Arthur Gander und Alexander Jundt sind heute längst tot. Sie haben ihre Fluchterinnerungen wie viele andere Kolonisten nach der Rückkehr in die Schweiz aufgeschrieben und dem Basellandschäftler Historiker Ernst Zeugin übergeben. Zeugin hatte die Schweizerkolonie Schabo 1938 besucht und darüber zwei Bücher verfasst. Auch Zeugin ist inzwischen verstorben. Der Beobachter hat seinen Nachlass in Familienbesitz gefunden. Bis vor sechs Wochen lagerte er unberührt und ungeordnet in einer Abstellkammer in Pratteln.

Die einzigartige Brief- und Fotosammlung zeigt die Geschichte der Schabo-Schweizer und erhellt damit ein vergessenes Kapitel schweizerischer Flüchtlingspolitik. Sämtliche darin vorgefundenen Zeugnisse bestätigen Ingrid Senns Erzählung.

In den offiziellen Akten im Bundesarchiv in Bern sind die Spuren behördlicher Abweisung hingegen nur verklausuliert zu finden. Die tatsächliche Politik wurde verpackt in diplomatische Höflichkeit und begründet mit dem höheren Interesse der Staatsräson.

So schrieb Georges Girod, der Konsularagent aus Galatz, dem Gesandten in Bukarest, Rene de Weck, am 3. Januar 1941: «Es wäre nach meiner Auffassung ein Fehler, jene in die Schweiz zu schikken oder reisen zu lassen, die die Absicht haben.» Girod, selbst ein ehemaliger Schabo-Schweizer, hatte gut reden. Seit September 1940 sass er _ als einer der wenigen, die zurückflüchten konnten _ in sicherer Distanz zum Geschehen am Genfersee.

Abwimmeln war die Devise
Der Schweizer Geschäftsträger de Weck antwortete am 18. Januar 1941: «Neue Flüchtlinge aus Schabo in die Schweiz zu schicken wäre ein Fehler. Das ist auch meine Meinung.» Und auch Gesandtschaftsattache Jean Stroehlin bemühte sich nach Kräften, rückreisewillige Schweizer wenn immer möglich abzuwimmeln. «Ich insistierte auf der Schwierigkeit, gegenwärtig Arbeit zu finden in der Schweiz», schrieb er in einer internen Notiz vom 26. Februar 1941 seinen Vorgesetzten.

Im Klartext: Die Schweizer Gesandtschaft in Bukarest verbot zwar nicht direkt die Rückkehr. Dies hätte zu eindeutig gegen die Rückkehrgarantie im Schweizer Pass verstossen. Aber die Diplomaten kommunizierten: Rückkehr unmöglich wegen Stellenmangels.

Die Abgewiesenen glaubten den Behörden: «Wenn ein Gesandter und ein Konsul sagten, die Schweiz habe die Grenzen dichtgemacht und wir würden nicht hereingelassen, so zweifelten wir die Rechtmässigkeit dieser Aussage nicht an», sagt Ingrid Senn. So reisten im Herbst 1940 denn nur wenige Dutzend Personen zurück, meist ältere und kranke Leute _ und «solche, die in der Schweiz ein Bankkonto hatten».

Paradoxerweise war gerade das volkswirtschaftliche Argument am wenigsten stichhaltig. Denn das damalige Biga bezeichnete den inländischen Arbeitsmarkt im Oktober 1940 als «sehr befriedigend». Die Zahl der Stellensuchenden war von 39'000 im Januar 1940 innert zehn Monaten auf 10'000 gefallen. Und auch die Rückwandererzahl war gegenüber 1939 deutlich gesunken. Pikant: Die Neue Helvetische Gesellschaft (NHG) publizierte diese Zahlen wenig später in ihrer Zeitschrift «Schweizer Echo» für die Leser in der «Fünften Schweiz».

Eine Irrfahrt durch Europa
Für die Schabo-Schweizer, die davon nichts mehr erfuhren, begann eine Odyssee, die erst nach dem Krieg endete. Ingrid Senn und viele andere Schweizer wurden zur Donaumündung und von dort mit einem Schiff nach Semlin (in der Nähe von Belgrad) transportiert. Dort verbrachten sie einige Zeit in einem Zeltlager, anschliessend kamen sie per Eisenbahn nach Grossröhrsdorf bei Dresden.

Mangels Alternative hatten die meisten von ihnen keinen anderen Ausweg gesehen, als sich Hitlers Umsiedlungsaktion «Heim ins Reich» anzuschliessen. Erstes Ziel waren die beiden Lager Hinterwasser und Chrostau im Sudetenland, in der Nähe von Brno (Tschechei). «Mehrere hundert Leute lebten und schliefen jeweils in einem einzigen Raum», erzählt Ingrid Senn, «es wimmelte von Wanzen und Flöhen.» Die jungen Männer wurden _ oft gegen ihren Widerstand _ zur deutschen Wehrmacht eingezogen. Viele Frauen mussten in Fabriken arbeiten.

Ein tragisches Schicksal erlitten die beiden Brüder Arthur und Anton Stohler. Der jüngere von ihnen fiel im August 1943 als 23jähriger Wehrmachtsoldat in der Ukraine. Der ältere geriet in russische Kriegsgefangenschaft und kam nach Sibirien. Erst im Jahr 1959 durfte er in die Schweiz zurückkehren.

Leben in ständiger Gefahr
Ein Teil der umgesiedelten Schabo-Schweizer landete 1942 im slowenischen Wisell. Das deutsche Kommando setzte sie als «Frontbauern» auf Bauernhöfen ein, deren Bewohner die Wehrmacht vertrieben hatte. Sie lebten in ständiger Angst: «Die vertriebenen Bauern wurden Partisanen und machten nachts Uberfälle auf die Höfe, auf denen wir lebten», erinnert sich Ingrid Senn.

Es war eine absurde Situation: Die vertriebenen Schabo-Bauern traten gegenüber den einheimischen Slowenen selbst als «Besetzer» auf. «Wir erhielten Gewehre und waren verpflichtet, zu schiessen», sagt die Schweizerin. Mehr als ein Schweizer kam bei solchen Partisanenkämpfen ums Leben.

Später ordnete die deutsche Umsiedlungskommission erneut Verlegungen an _ diesmal nach Polen, in die Steiermark und nach Sachsen. Von der ansässigen Bevölkerung wurden die vertriebenen Schweizer immer wieder abgelehnt. Sie litten unter Entbehrung, Krankheit und Not. Ingrid Senns Grossmutter war 82jährig. «Als meine Schwester 1943 geboren wurde, erhielt meine Mutter Milch. Die Hälfte gab sie jeweils meiner Grossmutter.» Trotzdem starb sie im Lager an Altersschwäche.

Enttäuschung und Resignation machte sich auch bei jenen Schweizern breit, die sich anfänglich mit einem gewissen Optimismus der deutschen Umsiedlung angeschlossen hatten. Die Hoffnung, eines Tages nach Schabo zurückzukehren, schwand immer mehr. Die wenigen unter sowjetischer Besetzung am Schwarzen Meer verbliebenen Kolonisten rieten dringend von einer Rückkehr nach Schabo ab. Die «Umgesiedelten» wollten deshalb _ bis auf ein Dutzend Nazisympathisanten _ alle nur eines: so rasch als möglich in die Schweiz zurück.

Auf der Polizeiabteilung in Bern und in den Schweizer Botschaften Bukarest und Berlin erkannte man allmählich den Ernst der Lage. Doch immer noch zögerten die Verantwortlichen oder verschlampten Flüchtlingsgesuche.

Behörden spielten auf Zeit So im Fall Mathilde W. Im Juni 1943 wandte sich die Schweizer Bürgerin aus Ratibor (Schlesien) an den Gesandten Hans Frölicher in Berlin: «Ich bitte höflichst, die zur Immatrikulierung nach unserer alten Heimat Schweiz erforderlichen Formulare zusenden zu wollen.» Doch der Chef der Polizeiabteilung, Heinrich Rothmund, stand den vorgelegten Ausweisen «mit einigem Misstrauen» gegenüber, wie er am 9. Juli 1943 notierte. Er liess das Gesuch in Bern, Bukarest und in den möglichen Heimatkantonen Waadt, Bern und Baselland so lange zirkulieren, bis der Krieg vorüber war. Erst am 14. September 1945 traf die inzwischen über 80jährige Frau in der Schweiz ein.

Noch krasser sind die Fälle der drei Waadtländer Ehepaare Gustave und Pauline M., François und Victorine M. sowie Arnold und Valerie L. Schon im Dezember 1940 ersuchte das Auslandschweizersekretariat der NHG die Polizeiabteilung um Einreisebewilligungen für die sechs betagten Personen aus dem Lager 48 der NSDAP in Chrostau. Erst im Frühling 1944 _ über drei Jahre später _ durften drei von ihnen endlich in die Schweiz einreisen, weitere zwei folgten im Oktober 1946. Die älteste Frau war inzwischen verstorben.

Wie bürokratisch und herzlos die Bundesverwaltung mit den im Krieg steckenden Eidgenossen verfuhr, zeigt der Fall von Serge B. In einem «dringenden Gesuch» bat er, ihm den in Bukarest zurückgelassenen Schweizer Pass zu schicken. «Ohne diesen kann unser Landsmann das Lager nicht verlassen», schrieb Legationsrat Franz Kappeler aus Berlin im Begleitbrief. Das Politische Departement (heute Departement für auswärtige Angelegenheiten) von Bundesrat Marcel Pilet-Golaz schickte das Dokument zwar an die Vertretung in Berlin, wies aber an, dieses dem Gesuchsteller nur auszuhändigen, «sofern Sie es für angezeigt erachten».

Wie viele Schweizerinnen und Schweizer während des Krieges von den Behörden abgewimmelt wurden, ist heute nicht mehr genau feststellbar. Eine Liste des Auswärtigen Deutschen Amtes vom 29. Mai 1941 zählt 59 Schweizer Staatsangehörige in neun Lagern im Sudetengau, in Sachsen und Niederdonau auf, die Kinder nur teilweise mitgezählt.

Ausstehend waren die Angaben über zwei weitere Einsatzgebiete. Gemäss den Unterlagen in der Schweizer Gesandtschaft in Bukarest liessen sich mehrere Familien erst ab Sommer 1941 «ins Reich repatriieren». Einschliesslich einer Dunkelziffer dürften also zwischen 150 und 250 Schweizer Bürger drei bis fünf Jahre in deutschen Umsiedlungslagern verbracht haben.

Opfer wollen Entschädigung
Weitere 170 bis 270 Schabo-Flüchtlinge irrten in Rumänien, in Sowjetrussland und in Ostmitteleuropa umher. Während nur eine Minderheit von rund 60 Personen in die Schweiz zurückkehren durfte, mussten über 400 Eidgenossen draussen warten.

Das Verhalten der Behörden fügt sich nach Meinung des Historikers Carsten Goehrke nahtlos in die damalige «Das Boot ist voll»-Politik ein. Wobei angesichts der fast 300'000 aufgenommenen Flüchtlinge und Schutzsuchenden wohl niemand im Ernst behaupten kann, es hätte für die 400 Schabo-Schweizer keinen Platz gehabt.

In den Jahren 1945 bis 1951 kehrten über 350 Schabo-Schweizer in ihre Heimat zurück. Einige Dutzend wanderten nach Ubersee aus, verstarben auf der Flucht oder blieben verschollen. In den Schweizer Dörfern waren die «Russen» selten willkommen. Erst nach rund 15jährigen Bemühungen erhielten sie Entschädigungen für ihre Verluste im Krieg, meist in der Höhe von 20'000 bis 30'000 Franken pro Familie. Das war weit weniger, als die Bundesrepublik ihren Ostvertriebenen gewährte. «Statt eines Hofes konnten wir gerade noch ein kleines Stück Land kaufen, auf das wir alle unsere Füsse setzen konnten», sagt Ingrid Senn. «Wir waren eben Schweizer zweiter Klasse.»

Andere Schabo-Schweizer, vor allem jene aus der Westschweiz, haben sich zu einem Verein zusammengeschlossen. Sie fordern eine Pauschalabfindung aus den Mitteln der geplanten Solidaritätsstiftung. «Wir denken an 60 bis 80 Millionen Franken für die ganze Kolonie», sagt Präsident Georges Dogny. Bisher hat Bern in alter Manier reagiert: höflich, unverbindlich und ohne konkrete Zusage. Das wird sich ändern müssen.

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