Nun hat die Vergangenheit die Schweiz eingeholt. Die Hunderter-Jubiläen – 700 Jahre Schlacht am Morgarten, 500 Jahre Niederlage bei Marignano, 200 Jahre Neuordnung Europas am Wiener Kongress – versetzen die Schweiz in eine Aufregung, bei der es um mehr geht als um die Erinnerung an drei Schicksalsdaten. Landauf, landab häufen sich Gedenkfeiern, Podien und Streitgespräche, bei denen nichts weniger verhandelt wird als das Selbstverständnis des Landes.

In drei Schritten zum Sonderfall

Die Stellungen sind bezogen: Die Na­tionalkonservativen, wie der Sammelbegriff für die Kreise um Christoph Blocher, SVP und Auns nun heisst, wollen im Wahljahr die alten Daten nutzen. Sie stemmen erneut das überlieferte Geschichtsbild der Schweiz als uraltes Abwehrbündnis hoch, damit ihre heutigen Positionen gegenüber Europa und dem Ausland generell als folgerichtig und im Einklang mit dem Werdegang des Landes erscheinen.

«Die Geschichte der Schweiz ist eine fortwährende Geschichte des Freiheitskampfes gegen Anfeindungen von aussen.»

Christoph Blocher, SVP-Stratege

So wird aktuelle Politik mit Geschichte legitimiert, abgestützt auf Granitpfeiler in tiefsten Schichten der Vergangenheit: Morgarten als Anfangspunkt der Befreiung, Marignano als Beginn der Neutralität und die Wiener Schlussakte als selbsterstrit­tene Anerkennung der Neutralität er­geben eine Geschichte des Sonderfalls Schweiz, die als politische Anleitung weit in die Zukunft weisen soll.

Auf der Gegenseite sind Historiker angetreten, he­rausgefordert durch die angelaufene Erinnerungsmaschinerie. Sie sehen sich gezwungen, längst ­erarbeitete Korrekturen zu wiederholen und der Vereinnahmung entgegenzutreten. Allen voran Thomas Maissen, der mit seinem Buch «Schweizer Heldengeschichten – und was dahintersteckt» den ak­tu­ellen Forschungsstand ins Feld führt. Die traditionelle Geschichtsversion halte einer Prüfung nicht stand, sagt er. Was als Gründergeschichte daherkomme, sei längst als Mythos entlarvt, fiktiv oder zusammenkomponiert aus unklaren Fak­ten, zurechtgebogene Interpreta­tion, Wunschtraum. In winkelriedscher Manier zieht Maissen die Lanzen der Nationalkonservativen auf sich, um der Erkenntnis eine Gasse zu bahnen.

«Die Nationalkonservativen instrumentalisieren einen völlig veralteten Forschungsstand.»

Thomas Maissen, Historiker

Blocher spielt auf den Mann: Maissen wolle «die Nation wegputzen», min­dere sie herab, weil er sie in die EU führen möchte – als ob mit der Schmähung als Nestbeschmutzer und vaterlandsloser Geselle etwas fürs Verständnis der Geschichte gewonnen wäre.

Gerungen wird um die Deutungshoheit über Wurzeln und Wesen der Schweiz. Es ist eine Schlacht um die Vergangenheit, mit Blick auf die Zukunft. Wer obsiegt, kann auf Terraingewinn in der aktuellen Politik hoffen.

Ein Obwaldner begründet den Mythos

Jedes Bild der Geschichte ist ein Konstrukt. Und es ist immer eine Gegenwart, die das Geschichtsbild herstellt. Der Kern der Schweizer Erzählung stammt aus den 1470er Jahren. Der Obwaldner Landschreiber und Habsburg-Gegner Hans Schriber kopierte damals im «Weissen Buch von Sarnen» Urkunden der frühen Eidgenossenschaft. Und er komponierte – 170 Jahre nach den angeblichen Ereignissen – aus Sagenmotiven mit Wilhelm Tell, Rütlischwur und Burgenbruch eine Rahmengeschichte, die die Befreiungslegende begründete und im aktuellen politischen Umfeld legitimierte.

1315: Schlacht am Morgarten

Am 15. November 1315 wehrten Schwyzer ein Heer von Herzog Leopold I. beim Ägerisee ab. Im überlieferten Geschichtsbild markiert die Schlacht den Beginn der Erbfeindschaft mit Habsburg, aus der sich die Eidgenossenschaft als Abwehrbund entwickelte. Doch die Quellenlage ist dürftig. Zeitgenössische Berichte fehlen, zu Ort, Gründen und Folgen schweigen die Quellen. Nach ­neuerer Deutung war es eine missglückte Strafaktion, nachdem Schwyzer im Streit um Weiderechte das Kloster Einsiedeln ­geplündert hatten. Auch der Ende 1315 in Brunnen geschlossene Bund von Uri, Schwyz und Unterwalden war keine Gründungscharta, sondern ein Vertrag zur Sicherung der inneren Ordnung.

Um 1570 trug Aegidius Tschudi weitere Urkunden zusammen und gestaltete aus dem Fundus sein «Chronicon Helveticum», die erste zusammenhängende Darstellung. Lücken füllte er oft kreativ, etwa indem er den Schwur auf den 8. November 1307 datierte, «davon die eidtgenoschafft entsprungen und das land Helvetia (jetz Switzerland genant) wider in sin uralten stand und frijheit gebracht worden». Damit war das bestimmende Narrativ geschaffen, wonach die Eidgenossenschaft aus einer «Urschweiz» am Vierwaldstättersee durch einen Schwurbund aus Notwehr gegen Habsburg entstanden sei. Dieses Geschichtsbild konnte zwei Jahrhunderte lang die zerstrittenen Eidgenossen immer wieder aussöhnen und das prekäre Gebilde aus lockeren Bündnissen stabilisieren. Tell wuchs zur Integrationsfigur und republikanischen Lichtgestalt und gerann in Schillers Schauspiel 1804 zum Nationalmythos, der in den Köpfen eine eigene Wirklichkeit schuf.

Die Schweiz, seit je frei und wehrhaft?

Dass daraus eine verbindliche Nationalgeschichte wurde, ist die Leistung der Historiker des 19. Jahrhunderts. Die Eidgenossenschaft war morsch geworden, hatte ein Intermezzo als französischer ­Satellitenstaat erlebt, war am Wiener Kongress als Produkt europäischer Rivalitäten neu etabliert worden und hatte den Sonderbundskrieg hinter sich. Der neue Bundesstaat von 1848 war eine fragile Repu­blik inmitten von Königreichen und ein Vielvölkerstaat, dem ohne gemeinsame Sprache, Religion und Ethnie alles fehlte, was eine Nation ausmachen konnte. Die Schweiz brauchte innere Festigung. Um die im Sonderbundskrieg unterlegenen katholischen Gebiete zu integrieren, musste eine Geschichte her, die Sinn stiftete, Identifikation ermöglichte und alle im neuen Staat verband.

Mythen zur Geistigen Landesverteidigung

«Nation-Building» in den Köpfen war also das politische Gebot der Stunde. Die Historiker fanden die Bausteine und den Kitt dafür bei den Vorvätern, die sich am Fuss des Gotthards einen einzigartigen Hort der Freiheit geschaffen hatten. Neu verbunden und dokumentiert, konnten die Heldengeschichten dem Land einen festen Kern und eine Bestimmung geben. Mit einer Rückprojektion auf die frühesten Anfänge erfand sich der Bundesstaat aus seiner gegenwärtigen Perspektive die eigene Geschichte und wies sich aus als bruchlose Fortführung dessen, was die Schweiz angeblich immer war: die uralte, aus freiem Willen gegründete Passrepu­blik, die ihre Eigenart verteidigt gegen ­jede Anfeindung.

1515: Schlacht von Marignano

Am 14. September 1515 wurden die Eidgenossen in der Lombardei von Franz I. von Frankreich ­geschlagen. Im Artilleriefeuer starben 10 000 Schweizer, das halbe Heer. Im Friedensvertrag musste die Schweiz Mailand und das Val d’Ossola räumen, durfte aber ihre übrigen Eroberungen Tessin, Veltlin, Bormio und Chiavenna behalten und erhielt Reparationen. Eine sogenannte Soldallianz gab Frankreich Zugriff auf 16 000 Schweizer Söldner und der Schweiz bessere Bedingungen im Handel. Marignano beendete Schweizer Grossmachtambitionen. Eine aktive Aussenpolitik war auch wegen der Glaubensspaltung nicht mehr möglich. Später wurde Marignano als Beginn der Neutralität umgedeutet.

So funktioniert historische Mythen­bildung: Das Ende wird in den Anfang ­zurückgebogen, so dass die Geschichte erscheint als Erfüllung einer Bestimmung, die von alters her angelegt war. Diese ruhmreiche Schöpfungsgeschichte der Schweiz drang tief ins kollektive Bewusstsein, liess sich während des Zweiten Weltkriegs in der Geistigen Landesverteidigung aktivieren und wirkt als populäres Muster bis heute.

Die Schweiz wurde nicht «gegründet»

In den 1970er und 1980er Jahren war die Zeit reif für eine Revision. Historiker ­neuer Schule zogen die alten Mythen durchs Stahlbad der Quellenkritik. Gegen die festgefügte Geschichtsversion brachten sie das «Vetorecht der Quellen» in ­Anschlag und verwarfen alle Deutungen, die den Quellen widersprachen.

Tell und Apfelschuss? Eine importierte dänische Sage. Der Rütlischwur? Historisch nicht belegt. Der Bundesbrief von 1291? Keine Gründungsakte, kein Plan zur Auflehnung, sondern ein Vertrag unter vielen zur Wahrung der inneren Ordnung. Der 1. August? Ein 1891 willkürlich zum Geburtstag erhobenes Datum. Die Urschweiz? Ein verfänglicher Begriff, wo die Schweiz doch nicht in einem Akt «gegründet» wurde, sondern erst im 15. Jahrhundert langsam institutionelle Formen annahm – ausgehend von Bern und Zürich. Marignano? Ein militärisches Desaster, das die Schweiz von der Weltbühne drängte und zum Söldnerreservoir machte. Die Verschonung im Zweiten Weltkrieg? Nicht allein das Verdienst der Armee, sondern einer Kombination aus Widerstand, Anpassung und Kollaboration.

1815: Wiener Kongress

Am Wiener Kongress (20. März) und am 2. Pariser Frieden (20. November) 1815 erklärten die Grossmächte «die An­erkennung und Garantie der dauerhaften Neutralität der Schweiz in ihren neuen Grenzen» und ­bestätigten den Bundesvertrag, der erstmals alle Kantone vereinte. Die ­Siegermächte betonten, die Neutralität liege «im Interesse von ganz Europa». Ihnen ging es darum, einen Puffer zu Frankreich zu schaffen, weshalb sie die Aufnahme von Neuenburg, Wallis und Genf ­billigten. Die Schweiz, die mit Napoleon gekämpft hatte, rang die Neutralität den europäischen Mächten nicht ab, sondern bekam sie ­gewährt und zugleich ­verordnet, damit sie ihre Rolle als Pufferstaat spielt.

Doch die Erkenntnisse perlten ab, blieben in den Fachkreisen und konnten beim breiten Publikum kein neues, besser gestütztes Geschichtsbild eta­blieren. Denn Menschen lieben My­then; jedes Land braucht sie, weil sie Sinn, Orientierung und Zusammen­gehörigkeit stiften. Das ist wichtig.

Wenn Mythen zur «Wahrheit» werden

Problematisch wird es erst, wenn sich solche Erzählungen als absolute Wahrheiten verfestigen und sich nicht mehr um wissenschaftliche Korrekturen scheren. Wenn nun die nationalkonservative Seite das überholte Geschichtsbild re-mythisiert, wenn sie behauptet, Mythen vermittelten Wahrheiten, die über wissenschaftlicher Erkenntnis stehen, dann entzieht sie sich der rationalen Kritik. Ein solches Geschichtsbild bedient vielleicht Sehnsüchte und Parteiprogramme. Aber mit ein paar wohlfeilen Parallelen aus einer selbstgebastelten Vergangenheit ist kein Staat zu machen.