Lachende Kinder, ein geheiltes Auge, Medikamente für Leprakranke: Wer die Bilder im farbigen Faltblatt «Helfende Hände» (Bild) anschaut, dem wird warm ums Herz. Das Magazin der Siloah-Mission Schweiz verbreitet allmonatlich die frohe Botschaft, wo und wem das evangelische Hilfswerk wieder geholfen hat.

So weit, so gut. Manches Hilfswerk hat sich neben der Hilfe für die Not leidende Bevölkerung irgendwo auf der Welt auch die Mission auf die Fahne geschrieben. Das ist legitim, sofern es die Spender wissen. Im Jahresbericht der Siloah-Mission Schweiz ist ausführlich von Bibelschulen in Indonesien die Rede. Nach zwei Versammlungen habe es «120 Neubekehrte» aus der örtlichen Bevölkerung gegeben.

Doch die herzerweichenden Fotos und Berichte verraten nicht, dass zum Hilfswerk viele Fragezeichen bestehen. Seit dem Tod des Buchhalters im Jahr 1998 befasst sich ein Treuhandbüro in Jona SG mit den Finanzen – und amtet gleichzeitig als Revisionsstelle. Der Buchhalter kontrolliert sich also selber. Seit dem Rücktritt des bisherigen Sekretärs im vergangenen Oktober besorgt dasselbe Treuhandbüro auch noch das Sekretariat – eine einzigartige Machtfülle.

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Werbung mit Ehrenkodex
Das ist deshalb stossend, weil die Siloah-Mission Schweiz mit dem «SEA-Ehrenkodex» wirbt und sich so als besonders vertrauenswürdige gemeinnützige Institution darstellt. Mit dem Ehrenkodex der «Schweizerischen Evangelischen Allianz» (SEA) schmücken sich rund 75 kleinere christliche Organisationen, vorwiegend mit missionarischem Charakter. Wer mit dem Signet auf Spendenfang gehen will, muss eine Reihe von Anforderungen erfüllen – mit dem Ziel, möglichst grosse Transparenz für die Spendenden zu schaffen.

Natürlich verlangt der SEA-Ehrenkodex auch eine «von der Geschäftsstelle unabhängige Revisionsstelle» – da genügt es nicht, dass Buchführung und Revision unter einem Dach und bloss «organisatorisch getrennt» sind, wie Siloah-Chef Karl Becker erklärt. Zudem müssten Spender und Öffentlichkeit mindestens einmal jährlich über das Rechnungsergebnis informiert werden – im Blättchen «Helfende Hände» findet sich aber kein Wort darüber.

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Von Aufsicht keine Spur
Das SEA-Ehrenkodex-Logo sei «Beleg für eine ordentliche Spendenverwaltung», behauptet die Siloah-Mission Schweiz. Doch davon kann keine Rede sein. Jährlich sammelt die Mission rund eine halbe Million Franken, Tendenz sinkend. Wofür das Geld genau verwendet wird, will das Hilfswerk aber nicht bekannt geben. Im Jahresbericht und im Vereinsblatt werden zwar die einzelnen Projekte ausführlich beschrieben. Doch wer wissen will, wie viel Geld an welches Projekt ging, beisst auf Granit. Auch auf Nachfrage des Beobachters gab es keine Angaben. Alles Geld fliesse zuerst zur Siloah-Zentrale in Deutschland und von dort nach Übersee, sagt Karl Becker. So figuriert in der Jahresrechnung der mit Abstand grösste Ausgabenposten («Zuwendungen an Missionen: 350148 Franken) mit einer einzigen Zeile.

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Das stört den SEA-Geschäftsführer Hansjörg Leutwyler nicht sonderlich: «Ich habe keinen Grund zur Annahme, dass unehrliche Machenschaften vorliegen.» Ärger mit der Siloah-Mission hatte er aber schon verschiedentlich. Den Jahresbericht 2000 erhielt die SEA erst nach einer Mahnung, und auch zur fehlenden unabhängigen Revisionsstelle gab es schon Interventionen. Und dass die Spenderinnen und Spender keinerlei Angaben über die Jahresrechnung erhalten, war der SEA bis zur Nachfrage durch den Beobachter noch gar nicht aufgefallen.

Trotz den klaren Verstössen gegen die SEA-Ehrenkodex-Richtlinien hat die Siloah-Mission wenig zu befürchten. Nach einer Ermahnung könnte die SEA das Hilfswerk zwar ausschliessen – doch zu einer solchen Massnahme ist es laut Leutwyler seit Jahren nicht mehr gekommen.

Kein Wunder also, eilt es Siloah Schweiz nicht mit Gegenmassnahmen. Missionschef Becker liess drei Jahre verstreichen, bis er mit der Suche nach einer Lösung für die problematische Doppelfunktion Buchführung/Revisionsstelle begann – und bezeichnet dies auch noch als schnelle Reaktion. Ende Februar 2002, kurze Zeit nach der ersten Anfrage durch den Beobachter, wurde endlich eine neue unabhängige Revisionsgesellschaft bestimmt. Vielleicht müssen sich die Spender inskünftig auch länger überlegen, wen sie unterstützen wollen.

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