«Weiss der Teufel, weshalb hier überhaupt jemand dagegen war»: Amade Perrig, Ende April zurückgetretener Verkehrsdirektor von Zermatt, versteht das Abstimmungsresultat von jenem denkwürdigen 8. Juni 1997 noch immer nicht: Von Oberwald bis St-Gingolph sagte das ganze Wallis begeistert Ja zu einer Kandidatur des Kantonshauptorts Sion für die Olympischen Winterspiele 2006. Nur am Fuss des weltberühmten Matterhorns machte sich Skepsis breit: Mit elf Stimmen Differenz bodigten die Zermatter die Defizitgarantie des Kantons Wallis für die Spiele.

«Heute allerdings», sagt Perrig, «heute finde ich in ganz Zermatt niemanden mehr, der damals ein Nein in die Urne gelegt haben will.» Mittlerweile sei nämlich endgültig allen aufgegangen, dass die Spiele – sollte sich das Internationale Olympische Komitee am 19. Juni für Sion entscheiden – für Zermatt nur Gutes verhiessen: «Dann können wir beispielsweise Firmen, die ihre Geschäftspartner zu den Spielen einladen, einen Aufenthalt abseits des Olympia-Rummels und dennoch in der Nähe der Wettkampfstätten anbieten», reibt sich Perrig die Hände. Olympische Wettkämpfe seien in Zermatt nie zur Diskussion gestanden: «Damit würden wir mitten in der Hochsaison nur unsere Stammgäste verärgern.»

Die Olympiabegeisterung im Wallis hat viele Gesichter – aber nur einen gemeinsamen Hintergedanken: Wenn Sion den Zuschlag erhält, so erzählt man sich entlang der Rhone, dann brechen selbst im hintersten Seitental goldene Zeiten an. Sion, ja das ganze Wallis ist während 16 Tagen rund um den Globus an jedem Bildschirm zu sehen, im Stade de Tourbillon brennt die olympische Flamme, und das Wallis kommt wieder einmal so richtig zum Feiern. Darf man ja auch: Die Umwelt nimmt keinen Schaden, Tourismus und Bauwirtschaft sind dank dem vorolympischen Impulsprogramm massvoll gewachsen, und selbst die Finanzen sind laut Budget im Lot.

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Ogis Beschwörungen
So mindestens steht es in den offiziellen Unterlagen für das IOC, und so wirbt Sportminister Adolf Ogi landauf, landab für die Kandidatur: «Jetzt oder nie!» beschwört er die Zweiflerinnen und Zögerer und fordert sie via «Blick»-Kolumne auf: «Kämpfen wir bis zum 19. Juni mit Feu sacre!» Für ein kritisches Beobachter-Interview fehlte ihm derweil die Zeit. Das Feu sacre soll schliesslich zur olympischen Flamme werden.

Die Chancen stehen gut, haben doch die Verantwortlichen alles darangesetzt, ein Dossier einzureichen, das haargenau auf der Linie des IOC liegt.

Als wahrer Geniestreich dürfte sich dabei die Abkehr vom noch für die Kandidatur 2002 propagierten alleinigen Leitgedanken «Umweltschutz» erweisen: Das Wallis, so versprechen die Organisatoren im farbig gestalteten «Regenbogenbuch der nachhaltigen Entwicklung» heute, werde sich dank den Olympischen Winterspielen nicht nur in Sachen Umweltschutz weiterentwickeln, sondern auch gleich noch in den Bereichen Wirtschaft, Soziales, Politik und Kultur einen dauerhaften Schritt nach vorne tun.

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Zauberwort Nachhaltigkeit
Das Motto für diesen Spagat heisst «nachhaltige Entwicklung», und das Kandidaturkomitee rennt damit beim IOC offene Türen ein. Im Oktober will sich das Gremium – welch ein Zufall – an der 3. Weltkonferenz für Sport und Umwelt auch international mit dem Thema «sustainable development» befassen.

Die Bedürfnisse der gegenwärtigen Generationen befriedigen, ohne dabei das Wohl der nachfolgenden Generationen zu gefährden, und gleichzeitig die Vielfalt von Flora und Fauna bewahren –  so wurde der Begriff 1992 am Umweltgipfel in Rio de Janeiro definiert.

Kritische Walliser Geister freilich glauben, dass die 16 Tage olympischer Taumel und die Vorarbeiten dazu genau das Gegenteil bewirken werden: einen kurzen, heftigen Boom mit dauerhaften Folgen für Umwelt und Finanzen. «Olympische Spiele bedingen riesige Investitionen, die die Umwelt und die regionalen Ressourcen in jeglicher Hinsicht über die Massen strapazieren», sagt etwa Andreas Weissen, Präsident der Internationalen Alpenschutzkommission Cipra und Oberwalliser WWF-Sekretär.

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In der Tat käme mit den Olympischen Winterspielen 2006 ein Ereignis von bisher in der Schweiz noch nie dagewesener Grösse aufs Wallis zu. Das Budget fürs geplante Sportfest beträgt rund 1,26 Milliarden Franken. Und das ist optimistisch geschätzt, vermutet selbst das IOC: «Die Kommission ist der Ansicht, dass das Investitionsbudget für die Sportanlagen vielleicht etwas zu tief ausgefallen ist», heisst es im Bericht der Evaluationskommission, die die Walliser Bewerbung im vergangenen Jahr unter die Lupe nahm. Jean-Daniel Mudry, Generaldirektor des Kandidaturkomitees Sion 2006, sieht dennoch keinen Grund für Nachbesserungen: «Wir haben die Kosten von Fachleuten errechnen lassen, die die Verhältnisse hier kennen.»

Gewinnaussicht null
Immerhin: Von einem Gewinn wie bei andern Grossveranstaltungen spricht in Sion niemand – zu Recht. In Albertville trugen die Steuerzahler ebenso an den Winterspieldefiziten mit wie in Lillehammer und in Nagano. Ausser in Calgary, wo die Anlagen nach den Winterspielen 1988 in den Campus der aufstrebenden Universität integriert wurden, kennt man in allen letzten Austragungsorten vor allem eine nachhaltige Wirkung der Spiele: den Unterhalt der oft völlig überdimensionierten und daher schlecht genutzten Anlagen. Gemeinsamer Nenner: Die Kosten gehen in die Millionen.

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Das werde dem Wallis nicht passieren, verspricht Mudry: «Alle Anlagen sind so konzipiert, dass sie nach den Spielen auf eine den Bedürfnissen angepasste Grösse zurückgebaut werden können.»

Warnungen werden verdrängt
Doch das sind Schönwetterprognosen. Die renommierte Beratungsfirma Arthur Andersen hat im Auftrag des Kandidaturkomitees in einem «Weissbuch» versucht, mögliche Risiken einzuschätzen. Das Resultat: Neben der Gefahr eines Verkehrschaos steht das Risiko von finanziellen Fehleinschätzungen – sprich: eines Verlustes – ganz zuoberst.

Bund, Kanton und die Veranstaltungsgemeinden haben für diesen bisher erfolgreich aus dem öffentlichen Diskurs verdrängten Fall eine Defizitgarantie von insgesamt 80 Millionen Franken gewährt. Sollten die roten Zahlen noch höher ausfallen, so müssen der Kanton (50 Prozent), die Stadt Sion und die Veranstaltungsgemeinden (je 25 Prozent) dafür geradestehen.

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Was dies im schlechtesten Fall bedeutet, könnten die Walliser Gemeindeoberen in den Savoyen nachfragen: Nach den Olympischen Winterspielen in Albertville 1992 mussten einige Gemeinden finanziell bevormundet werden.

Kommt dazu, dass die Budgets selten mit der Realität übereinstimmen: In Lillehammer wurde das Olympiamanagement gefeuert, weil es die Kosten komplett unterschätzt hatte: Statt 350 Millionen Franken kosteten die Spiele schliesslich 1,45 Milliarden. Auch in Nagano spricht man, wenn auch nicht offiziell, von Kosten, die am Ende weit über dem Budget lagen.

Das Organisationskomitee von Salt Lake City schliesslich, dem Austragungsort von 2002, beantragte im vergangenen Dezember bei der US-Bundesregierung eine Finanzspritze in der Höhe von 300 Millionen Franken.

Diese negativen Erfahrungen lassen Sion-2006-Generaldirektor Mudry kalt: Das Budget von Sion 2006 sei seriös gerechnet, sagt er und: «Ich bin sicher, dass die Spiele durchgeführt werden können, ohne Gemeinde- oder Staatskassen zu belasten.»

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Im Interview mit dem Beobachter zauberte Mudry für Lillehammer sogar einen Gewinn in der Höhe von 50 Millionen Franken aus dem Hut – eine Zahl, von der man beim IOC keine Kenntnis hat. Im Gegenteil: Die Spiele hinterliessen ein Loch von 920 Millionen Franken – zu bezahlen vom norwegischen Staat.

Olympia – ein Verlustgeschäft? Nicht im Wallis: 15'000 Arbeitsplätze sollen dank Sion 2006 allein im Wallis jedes Jahr geschaffen werden, heisst es im Kandidaturdossier. Ein zu kühnes Versprechen. Eine Studie der Universität Neuenburg spricht zwar ebenfalls von 15'000 neuen Arbeitsplätzen, aber verteilt über sieben Jahre.

Ein Fehler im Dossier
«Ein Fehler im Dossier», räumt Generaldirektor Jean-Daniel Mudry ein. Selbst er warnt vor allzu grossen Erwartungen: «Das gesamte Investitionsvolumen für die Sportanlagen beträgt 314 Millionen Franken, also durchschnittlich rund 50 Millionen pro Jahr bis zu den Spielen.» Angesichts des gesamten Walliser Bauvolumens von rund 1,9 Milliarden pro Jahr falle das «praktisch nicht ins Gewicht», betont Mudry. Von einem Bauboom könne also «keine Rede sein».

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Zudem könnten lukrative Aufträge ins Ausland abwandern. «Es ist durchaus möglich, dass zahlreiche Investitionen unter die Bestimmungen der Welthandelsorganisation (WTO) fallen und somit international ausgeschrieben werden müssen», bestätigt Marie-Gabrielle Ineichen vom Bundesamt für Aussenwirtschaft.

Selbst die der Kandidatur durchaus wohlgesinnten Autoren der Neuenburger Studie warnen, ein grosser Teil der Wertschöpfung werde wohl ausserhalb des Kantons Wallis erzielt.

Auch beim Tourismus haben Fachleute ihre Zweifel am längerfristigen Nutzen. Beat Jost, SP-Grossrat und Sekretär des Oberwalliser Gewerkschaftsbundes, befürchtet, dass mit den Winterspielen die längst überholten Strukturen im Gastgewerbe zementiert werden.

Diese sind ein typisches Resultat der boomenden siebziger und achtziger Jahre: 301'000 Betten stehen allein in der Walliser Parahotellerie zur Verfügung – und die meiste Zeit leer. In den 830 Hotels im Kanton können 36'000 Gäste unterkommen. Der Durchschnitt von 44 Gästebetten pro Hotel ist typisch für den Walliser Tourismus – und laut Beat Jost eine ungesunde Grösse: «Solche mittelgrossen Betriebe funktionieren nur, weil die Besitzerfamilien sich und zum Teil auch ihre Angestellten ausbeuten.»

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Tatsächlich dürfte der Tourismus jene Branche sein, die den grössten Nutzen aus den Olympischen Spielen zieht. Die Winterspiele in Innsbruck etwa sollen entscheidend dazu beigetragen haben, Tirol als Wintersportregion zu etablieren. Und auch Lillehammer verzeichnete vor, während und nach den Spielen einen höheren Zustrom an Touristen.

 Dieser ist mittlerweile aber wieder deutlich abgeflacht: «Vom ökonomischen Standpunkt aus haben sich die Spiele überhaupt nicht gelohnt», sagt Olav Spilling von der Norvegian School of Management. Lillehammer 1994 war für ihn höchstens ein «ökonomisches Intermezzo».

Gewerkschafter Jost – nach eigenen Worten ein «kritischer Befürworter» von Sion 2006 – vermag der Idee einer Olympiakandidatur trotzdem auch positive Seiten abzugewinnen: In einem «Sozialvertrag» hat das Kandidaturkomitee den Walliser Gewerkschaften zugesichert, für Aufträge nur Betriebe zu berücksichtigen, die die geltenden Mindestanforderungen der Gesamt- und Branchenarbeitsverträge einhalten. «Ein Fortschritt, den wir ohne die Kandidatur nie erreicht hätten», sagt Jost.

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Da tut es auch nicht mehr so weh, wenn der wirtschaftliche Boom ausbleibt. Dafür werde das Wallis in der gan-zen Welt bekannt – sagen die Promotoren. Generaldirektor Mudry schwärmt von 330 bis 350 Stunden Fernsehpräsenz und bis zu sieben Milliarden Zuschauern, in deren Erinnerung sich die Namen «Sion» und «Wallis» unauslöschbar einprägen sollen.

Unauslöschbar? Kurze Testumfrage auf der Beobachter-Redaktion: «Wo fanden die letzten Olympischen Winterspiele statt?» Die Antworten: «Ich glaube in Kanada.» – «War das in Innsbruck?» – «Irgend etwas mit N.» – «Also in Japan waren sie nicht.» Zur Erinnerung: Austragungsort war Nagano, Japan.