Still ist es hier, rund ums 2683 Meter hohe Schwarzhorn im bündnerischen Parpan. Hin und wieder ziehen Skitourenläufer ihre Spuren durch unberührte Hänge. Die Murmeltiere, deren Pfeifen im Sommer die Wanderer begleitet, halten Winterschlaf. Oben am Gratsattel des Schwarzhorns öffnet sich der Blick zum Weisshorn über Arosa und auf die fernen Viertausender im Alpenbogen. Unten liegt das Hochtal von Parpan und Lenzerheide.

Alles ist ruhig. Noch. Geht es nämlich nach den Bergbahngesellschaften von Lenzerheide, Tschiertschen und Arosa, dann verschwindet bald auch dieser weisse Fleck von der touristischen Erschliessungskarte.

Eine im Februar präsentierte Machbarkeitsstudie sieht den Zusammenschluss der drei Skigebiete zu einer gigantischen Skiarena vor. Geplant sind je zwei Sesselbahnen im Farur- und im Urdental sowie eine Pendelbahn.

Kostenpunkt: 26 Millionen Franken. Damit können pro Saison zusätzliche 120000 Skifahrer transportiert werden. «Das Landschaftserlebnis wird für den "Aktivitätstyp" zu Lasten des "Naturtyps" gesteigert. Gefragt ist das tägliche Neuentdecken sowie das Erleben der Vielfalt der Gebirgsregionen», schreiben die Promotoren.

Für Daniel Monsch, Planungsingenieur aus Parpan, ist das Projekt nötig: «Will ein Skigebiet attraktiv bleiben, braucht es Erweiterungen - der Gast verlangt das. Ein Ort wie Lenzerheide ist diesem Druck auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. 70 Prozent der Wertschöpfung kommen hier aus dem Tourismus.»

Gar keine Freude am neuen Pistenspektakel hat Raimund Rodewald, Geschäftsleiter der Schweizerischen Stiftung für Landschaftsschutz: «Der Ausbaudrang der Bergbahnen ist eine der grössten Naturbedrohungen für den Alpenraum» Zugleich würde die problematische Pistenbeschneiung unterhalb 2000 Metern forciert. «Und es braucht neue Infrastrukturbauten im Tal; damit nimmt der Verkehr auf den Strassen noch mehr zu.» WWF und Pro Natura haben deshalb harten Widerstand gegen die Bündner Skiarena angekündigt.

Immer mehr Kunstschnee
Zwischen 1990 und 1996 hat die Zahl der Beschneiungsanlagen in der Schweiz von 26 auf 130 zugenommen - eine Steigerung von 400 Prozent. Zwar stagniert die Zahl der Transportanlagen seit Jahren, doch die Kapazitäten wurden nach einer noch unveröffentlichten Studie der Internationalen Alpenschutz-Kommission innert zehn Jahren um sagenhafte 63 Prozent erhöht.

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Das lässt die Verkehrslawine weiter anschwellen. Feriengäste und Tagestouristen machen die Durchgangsrouten zu den Skizentren zum Alpen-Auspuff. So registrierte die automatische Zählstelle in Maienfeld GR für 1997 an Samstagen ein Februarmittel von 55097 Fahrzeugen - gut 11000 mehr als 1990.

Im Prättigau - von und nach Klosters/Davos - sind es 18921 (1990: 16423), während die Blechschlange bei Thun BE es auf durchschnittlich 48745 Fahrzeuge brachte (1990: 40802). Der Zuwachs geht dabei vor allem auf das Konto der Tagestouristen. «Sie nehmen dank höherer Mobilität und immer besserer Verkehrserschliessung zu, während selbst traditionelle Tourismusorte mit sinkenden Ubernachtungszahlen und Umsätzen konfrontiert sind», bilanziert Hansruedi Müller, Direktor am Forschungsinstitut für Freizeit und Tourismus in Bern.

Für Planer wie Daniel Monsch bleibt trotzdem «nur die Flucht nach vorn». Skiorte, die jetzt nicht aufrüsten, würden den Anschluss verpassen. Sonst bleibe nur die Nische als Familienskigebiet, fügt er an. Naturschützer Rodewald kann da bloss den Kopf schütteln: «Quantitatives Wachstum führt im Bergtourismus in die Sackgasse. Es gilt, die noch verbliebenen intakten Landschaften vor einer weiteren touristischen Vereinnahmung zu bewahren.»

Unterstützung erhält er dabei von internationaler Seite. Der aktuelle Umweltprüfbericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD erteilt der Schweiz in den Bereichen Natur-, Landschafts-und Artenschutz die Note «ungenügend»: Die nach wie vor steigende Zahl gefährdeter Tier- und Pflanzenarten gehört zu den höchsten unter den OECD-Staaten. Bei den Vogelarten ist die Schweiz mit 56 Prozent gar negativer Spitzenreiter. Die OECD empfiehlt, mehr Schutzzonen einzurichten, die Flächen auszudehnen und zu vernetzen.

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Numerus clausus für Skilifte?
Doch davon ist nicht viel zu spüren. Obwohl seit Anfang der achtziger Jahre praktisch ein Stopp für neue Lifte und Bahnen in unberührten Landschaftsräumen gilt, sind bei der Sektion Seilbahnen im Bundesamt für Verkehr 1998 neun Projekte für Neuerschliessungen hängig. Raimund Rodewald: «Wahnwitzig! Der Druck auf die Konzessionspolitik des Bundes nimmt ständig zu.» 

Auch für Tourismusexperte Müller ist das «mechanisierte Wettrüsten um die Bergtouristen» der falsche Weg: «Es braucht einen Numerus clausus für Neuprojekte. Eine Kapazitätskonzentration an einem Ort sollte mit Rückbauten andernorts kompensiert werden. Doch leider werden selbst bankrotte Bahnen immer wieder neu lanciert.»

Finanziell machen viele dieser Investitionen keinen Sinn: 25 Prozent Dividende, wie sie die fusionierte Bahnen AG in Flims/Laax zahlt, sind die ganz grosse Ausnahme. Einigen der 60 Bündner Bergbahnen steht das Wasser bis zum Hals; die Eigenkapitalquote liegt im Schnitt noch bei dürftigen 28 Prozent. Und der Anstieg der Schneegrenze dürfte die Probleme noch verstärken. An negativen Beispielen fehlt es nicht: Die Hochwang AG im Schanfigg konnte sich nur dank einer Bettelaktion vor dem Aus retten, die Bergbahnen Chur-Dreibündenstein mussten ihr Aktienkapital abschreiben.

Wertberichtigungen und Abschreibungen in fast zweistelliger Millionenhöhe gab es auch bei der Rothorn und Scalottaas AG in Lenzerheide - was die Verantwortlichen aber nicht abhält, auf eine neue Skiarena mit Arosa und Tschiertschen zu setzen.

Tourismusforscher Hansruedi Müller skizziert im «1. Alpenreport» der Internationalen Alpenschutz-Kommission seine Vorstellungen einer nachhaltigen Entwicklung: «Der Bergtourismus muss nicht nur menschlicher, qualitativ besser und effizienter, sondern im besten Sinn wieder langsamer werden.» Umweltschäden und Verkehr seien einem erholsamen Urlaub abträglich. Müller möchte den Verkehr «entschleunigen» und fordert, dass die Anreise umweltfreundlicher wird und die Tourismusorte mehr Flanierzonen schaffen. 

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Davon ist im Schweizer Wintertourismus wenig zu spüren. Zwar gibt es die Gemeinschaft autofreier Schweizer Tourismusorte, doch die acht Mitglieder (Bettmeralp, Braunwald, Mürren, Riederalp, Rigi Kaltbad, Saas Fee, Stoos, Wengen) haben eher exotischen Charakter. Die meisten Skizentren begnügen sich damit, an Spitzentagen die Zufahrt der Tagestouristen zu staffeln. Strassensperren wie in Flums SG sind die absolute Ausnahme. Dort geht der Balken runter, wenn am Flumserberg alle Parkplätze belegt sind.

«Harter Verdrängungskampf»
Meist wird schon als Erfolg gefeiert, wenn Gratisbus und Parkplatzgebühren den Innerortsverkehr reduzieren und mehr Platz für Tagesgäste schaffen wie etwa in Laax GR. Das dortige Verkehrsleitsystem dirigiert lediglich die Autokolonne zu den Parkflächen. Ariane Ehrat, Pressesprecherin der Weissen Arena AG, sagt es klar: «Es herrscht ein harter Verdrängungskampf. Wir wollen quantitativ und qualitativ wachsen.» 

In den vorarlbergischen Skiorten Lech und Zürs hat man dieser Entwicklung einen Riegel geschoben. Registrieren die Bahnen 14000 Skifahrer im Gelände, signalisieren Tafeln einen Stopp für Tagestouristen. Diese müssen dann auf andere Orte ausweichen.

«Wir wollen unsere Hotelgäste nicht verärgern und auch auf den Pisten eine hohe Qualität sicherstellen», erklärt Johannes Bischof vom Verkehrsverein. Bei der Einführung gab es böses Blut; einheimische Skifahrer fühlten sich aus ihrer Region verdrängt. Für Lech und Zürs zahlt sich die Beschränkung nun aber aus. Ihre Hotels sind während der Saison fast zu 70 Prozent ausgelastet. Der Vergleichswert für die Schweiz liegt deutlich unter 50 Prozent.

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Skizirkus: Bedrohung für Schutzgebiete

Arosa/Tschiertschen/
Lenzerheide GR
Die Machbarkeitsstudie sieht den Zusammenschluss der drei Skigebiete zur Arena vor. Geplant sind zwei Sesselbahnen in das noch nicht erschlossene Farur- und in das Urdental und eine neue Kabinenbahn.
Fondei, Parsenngebiet/
Davos GR
Zwei neue Zubringeranlagen aus Davos und Fideris sollen mit drei neuen Sesselbahnen im noch unerschlossenen Fondeigebiet verknüpft werden. Bedroht sind ein Flachmoor von nationaler Bedeutung und die angrenzende Moorlandschaft. Samnaun/Scuol/Ischgl GR/A Der vorgesehene Zusammenschluss der Skigebiete von Samnaun, Scuol und Ischgl (A) bedingt neue Anlagen im noch intakten Zeblas-Bergtal.
Mathon/Schamserberg GREine Machbarkeitsstudie propagiert ein neues Skigebiet am Schamserberg mit einer Sesselbahn, zwei Skiliften und einem Grossparkplatz. Rosenhorn/Grindelwald BE Mit einer Alpenmetro, zwei Skiliften und einer Sesselbahn neu erschlossen werden soll das Rosenhorn ob Grindelwald, ein noch unberührtes Hochgebirge in einer geschützten Landschaft von nationaler Bedeutung (BLN-Objekt).
Adelboden/Wildstrubel BEGleich von vier Seiten (Adelboden, Lenk, Crans/Montana, Leukerbad) soll der Wildstrubelgipfel mit neuen Bahnen erschlossen werden. Der Wildstrubel ist Teil eines schutzwürdigen BLN-Objektes.
Trient, Finhaut/ 
Tê te-de-Balme VS
Zwei neue Sessellifte und eine Seilbahn sollen eine neue Arena mit dem französischen Skigebiet von Chamonix/ Le Tour ermöglichen. Ein unberührtes Weidwaldgebiet ist betroffen. Wiler/Hockenhorngrat VS Geplant ist eine Gondelbahn auf den Berggrat mit dem Milibachgletscher, direkt an der Grenzlinie eines BLN-Objekts
Aletschgebiet VSProjektiert ist ein neuer Skizirkus innerhalb des BLN- Gebiets mit einer Seilbahn über die Massaschlucht, einer Tunnelbahn Bettmeralp-Katzenlöcher und einer Erschliessung des Märjelenseegebiets. Gleichzeitig soll das geplante Unesco-Welterbeobjekt verkleinert werden. Quelle: Schweizerische Stiftung für Landschaftsschutz und -pflege SL