Bis in die 1970er Jahre führten Ärzte Medikamententests an zwangspsychiatrisierten Kindern und Jugendlichen durch – ohne deren Wissen. Nun anerkennt die Pharmaindustrie ihre Mitverantwortung für diese menschenverachtende Praxis: Der Branchenverband Interpharma beteiligt sich am Soforthilfefonds für Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen. Der von der Glückskette verwaltete Fonds unterstützt seit Anfang Monat mit einmaligen Beträgen frühere Verdingkinder, Weggesperrte und Zwangssterilisierte in finanzieller Not. Er speist sich aus freiwilligen Beiträgen von Kantonen, Gemeinden und Privaten.

«Sechsstelliger Betrag»

Interpharma äussert sich nicht zur Höhe des gesprochenen Beitrags. Luzius Mader, der vom Bund eingesetzte Delegierte für Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen, spricht jedoch von einem «substanziellen sechsstelligen Betrag» der Pharmaindustrie.

Auch die Landeskirchen ­beteiligen sich, sie lassen sich allerdings Zeit. Und bitten erst ihre Gläubigen zur Kasse: Sie kündigten landesweite Kollekten an. Die Reformierten lassen am Ostersonntag 2015 sammeln, die Katholiken im kommenden Sommer. Auf nationaler Ebene fehlten der Kirche die Mittel, um dem Fonds Geld zu überweisen, sagt Walter Müller, Informationsbeauftragter der Bischofskonferenz: «Die Gelder der Kirche liegen in den einzelnen Pfarreien.» Und weil die Sammeltage schon lange im Voraus festgesetzt würden, sei ein früherer Termin für eine Kollekte zugunsten des Soforthilfefonds nicht möglich.

Nichts von einer Unterstützung wissen will der Schweizer Bauernverband (SBV). Mediensprecher Hans Rüssli verweist auf frühere Stellungnahmen: Die Bauern hätten nie eine ­aktive Rolle bei der Platzierung der Verdingkinder gehabt. Betroffene weisen aber stets da­rauf hin, wie stark die Bauern von ihrer Gratisarbeit profitiert hätten. Die Haltung des SBV sorgt auch am runden Tisch für Unmut, wo Vertreter von ­Behörden, Institutionen und Opfern den Soforthilfefonds beschlossen. Laut Sitzungsprotokoll versuchte der Bauernvertreter einen Kritiker mit dem Argument zu beschwichtigen, die Bauern würden ja bei den Kollekten der Kirchen spenden – sie seien «ja wahrscheinlich noch die treusten verbliebenen Kirchgänger».

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Mit Hochdruck läuft derweil die Unterschriftensammlung zur Wiedergutmachungsinitiative, die vom Beobachter unterstützt wird. Rund 80'000 Personen haben das Volksbegehren bisher unterzeichnet.