Zu nett sei er. Zu ehrlich für den Job, zu wenig zupackend. Das bekam Jeff Siegrist zu hören, als man ihn 1996 aufs Abstellgleis rangierte. Trotz einer zerebralen Lähmung im linken Arm hatte sich der damals 29-Jährige bis in eine Kaderstelle bei einer Versicherung hinaufgearbeitet. Nach der Entlassung kam die Sinnkrise. Und schliesslich die Zuteilung in die Schublade, die für jene vorgesehen ist, die im Berufsleben nicht Schritt halten können: Er erhielt eine halbe IV-Rente. «Ich bin ein Halb-Ungültiger», sagt der Nette und Ehrliche in einem abschätzigen Tonfall, als müsste er mit diesen Worten eine lästige Wespe verscheuchen. «Ungültig» ist die Übersetzung des englischen Begriffs «invalid».

Nach dem Rausschmiss der grosse Traum

Zu wenig zupackend? Von wegen. Jeff Siegrist, 43, aus Unterentfelden AG, ein feingliedriger Mann mit glattem, schulterlangem Haar – dieser Jeff Siegrist ist zu allem entschlossen. «Wir müssen in der Schweiz eine Auffangwirtschaft aufbauen für alle, die nicht mehr die volle Leistung erbringen können», postuliert er. Ein Satz, geschliffen wie aus einem Leitbild. Ebenso dieser: «Nicht die ‹Invaliden› müssen sich integrieren in die Arbeitswelt, sondern die Unternehmen in die Welt der Schwächeren.» Er sei, sagt er zwischendurch, nur ein kleiner Mann, aber einer mit einer grossen Vision. Das ist allerhand in einem Land, das die kleinen Würfe bevorzugt und wo das Wort «Vision» fast schon anrüchig klingt.

Diese Parolen hat er verinnerlicht. Hundertfach gewälzt, immer wieder aufgeschrieben für sein Projekt «Hang Blues – Fair Integration». Seit seinem Rausschmiss vor 14 Jahren gäre in ihm der Traum von einer humaneren Wirtschaft, sagt er. 2007 kristallisierte sich daraus ein konkreter Plan. Er ist zum Taktgeber seines Lebens geworden.

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Redet der 43-Jährige über seine «Fair Integration»-Idee, so tut er das ohne Punkt und Komma. Fixiert dabei sein Gegenüber eindringlich mit den Augen. Springt von einem Aspekt zum nächsten, und dabei wird klar: Siegrist weiss bestens Bescheid über Wirtschaftspolitik, IV-Revisionen und öffentlichen Spardruck. Ab und zu verliert er den Faden, um einen neuen aufzunehmen und weiterzuspinnen. «Für mich ist das alles glasklar», sagt er – wohl wissend, dass das nicht zwingend für alle zutrifft, die ihm zuhören. «Du wirst mein Anliegen bestimmt in verständliche Worte packen (smile)», schreibt hinterher der Mann, der mit seiner Umgebung unwillkürlich auf Du und Du geht, in einer Mail.

«Weniger schnell, aber nicht weniger gut»

Hier folgt der Versuch, dies zu tun: «Fair Integration» steht für eine nationale, von führenden Schweizer Firmen solidarisch getragene Genossenschaft. Diese betreibt überall im Land Geschäftsstellen, sogenannte «Hang Blues»-Shops. Gearbeitet wird dort unter Bedingungen, die auf leistungseingeschränkte Beschäftigte ausgerichtet sind sowie auf IV-Rentner, die wieder integriert werden sollen.

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In den Shops gibt es die gleichen Produkte und Dienstleistungen, die die Trägerfirmen auch sonst im Markt anbieten. Einzig das «Fair Integration»-Zertifikat – ein nach oben gestreckter Daumen auf orangefarbenem Grund – weist darauf hin, dass die Güter «zwar weniger schnell, aber nicht weniger gut» entstanden sind, wie es der Initiant ausdrückt. Nach seinem Konzept soll in der Schweiz eine Parallelwirtschaft entstehen, an welche die freie Wirtschaft Integrationsaufgaben delegiert, die sie selber nicht übernehmen kann. Gleichzeitig können dank den zusätzlich geschaffenen Jobs die weniger Leistungsfähigen im Arbeitsleben gehalten werden.

Jeff Siegrist lässt nichts unversucht, um seine Idee in anderen Köpfen zu verankern und Verbündete zu finden. Er weibelt, damit er vor Abgesandten des Seco oder der IV referieren kann. Er informiert «dä Christoph» (Blocher), und er freut sich, wenn er «vo dä Micheline» (Calmy-Rey) eine Antwort auf seinen Brief erhält – auch wenn darin nicht viel mehr steht als luftige Phrasen der Anerkennung. Nur wenn man ihm aus den Vorzimmern der grossen Unternehmen lapidar ausrichtet, dass der Chef für so etwas nun wirklich keine Zeit habe, gibt das Siegrist zu denken. Denn ohne die Wirtschaft, das weiss er genau, geht sein Plan nicht auf. Deshalb beschwört er das Miteinander: «Hey, in dieser Sache müssen wir doch alle zusammenstehen!» Hier spricht ein unerschütterlicher Idealist.

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Noch ist viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Denn auch nach drei Jahren existiert das Projekt erst auf dem Papier. Bereits 2012 soll aber der erste «Hang Blues»-Shop eröffnet werden. Ein optimistischer Fahrplan, doch Jeff Siegrist mag davon nicht abweichen. Wer wie er so tief gefallen und wieder aufgestanden sei, der suche sich nicht den bequemen Weg aus. «Ich bin ein Kämpfer. Und ich bin zäh.»

Ist das alles nicht eine Nummer zu gross?

Das Benzin dafür ist die Musik, genauer: der Blues. Siegrist erteilt in seiner «Bluespraxis» Mundharmonika-Kurse, tritt an Anlässen auf und kann sich so finanziell über Wasser halten. Der Projektname «Hang Blues» kommt nicht von ungefähr: Abgeleitet vom Surfergruss «Hang Loose» (sinngemäss «locker bleiben»), stehe dahinter die Botschaft, auch in schwierigen Lebenslagen nicht zu resignieren. Ihm selber habe der Blues das Leben gerettet, sagt Siegrist. Habe ihm über alle Klippen hinweggeholfen – die Krise nach dem Absturz aus dem Erwerbsleben, die Hänseleien, denen er als Kind wegen seiner Behinderung ausgesetzt war, der frühe Tod des Vaters. «Von ihm habe ich das Kreative und Visionäre.»

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Fragen an einen, der vom Aargau aus eine kleine Revolution in der schweizerischen Wirtschaftsordnung starten will: Ist das alles nicht eine Nummer zu gross? Bloss ein Traum, gut gemeint, aber unrealistisch? Jeff Siegrist schüttelt entschlossen den Kopf. Und kontert mit einem Schlusswort, wie es auf einem Kalenderblatt nicht besser stehen könnte: «Mag sein, dass ich ein Träumer bin. Aber es sind nicht die Träumer, die die Welt kaputt machen.»

Informationen zum Projekt: www.hangblues.ch

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