Dafür sind Rauchgranaten der Schweizer Armee nicht gedacht: Am 5. März explodierten sie nicht in Feindesland, sondern in der Sondermülldeponie Kölliken. Und am 16. April entzündete sich die Altlast der Armee - vor über 23 Jahren entsorgt - ein zweites Mal. Die problematischen Teile der Rauchgranaten sehen aus wie harmlose Tobleronestückli, gehen aber von selbst los, wenn sie austrocknen. Ende Juni loderte dann der dritte Brand. Diesmal waren es Magnesiumspäne, die für eine acht Meter hohe Stichflamme sorgten. Über die Sondermülldeponie Kölliken wurde ein sofortiger Rückbaustopp verhängt - bis mindestens Januar 2009.

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Mitten im Wohngebiet: Deponie Kölliken


Es ist Europas grösste Sondermülldeponie mitten in einem Wohnquartier - im Aargauer 4000-Seelen-Dorf Kölliken. Anwohnerin Jacqueline Erismann nimmt es gelassen: «Die Verantwortlichen werden schon wissen, was sie tun», sagt die 32-Jährige, die vor drei Jahren mit ihrem Mann unterhalb ihres Elternhauses ein eigenes Heim neben der Deponie bauen liess. «Wenn ich aber nachts die Feuerwehr kommen höre und nicht sehen kann, was los ist, überlege ich schon, ob es nicht besser wäre, ins Auto zu springen und davonzufahren», sagt sie. Jean-Louis Tardent, der Geschäftsführer des Konsortiums Sondermülldeponie, meint abgebrüht: «Wir stören die Ruhe der damals für die Ewigkeit eingelagerten Stoffe. Da müssen wir mit Problemen rechnen.» Auch weitere Brände während des Rückbaus kann er nicht ausschliessen. «Ich bin nicht verzweifelt, aber die ganze Sache stimmt auch mich nachdenklich», sagt der Herr über 527'000 Tonnen Abfall.

Die Deponie galt als perfekte Lösung
Erst zwölf Prozent davon wurden bis zum Baustopp geborgen. Durchschnittlich 500 Tonnen pro Tag - an Spitzentagen 1000 Tonnen. Umgerechnet braucht es noch 18'160 Lastwagenfahrten, bis der gesamte Müll weg ist. 441 Container mit je 25 Tonnen Abfall gingen bisher nach Deutschland und Holland in Verbrennungs- oder thermische Bodenbehandlungsanlagen. Die Container werden per Lastwagen zum Güterbahnhof Zürich verfrachtet, wo sie auf die Bahn verladen werden. Ab Mai 2009 sollten Güterzüge die Container direkt in Kölliken abholen - dazu wird ein eigener Gleisanschluss gebaut. Auch dieser verzögert sich nun um mindestens ein halbes Jahr.

1987 trat Tardent sein Amt als Geschäftsführer des Konsortiums Sondermülldeponie an. Sein Auftrag: Deponie sanieren und wieder eröffnen. Aus den geplanten vier bis fünf Jahren wurde sein Lebenswerk, und aus der geplanten Wiedereröffnung wurde ein Rückbau. Tardent ist überzeugt: «Mit Gen-, Nuklear- und Nanotechnologie schaffen wir uns bereits die nächsten Probleme. Wir erkennen zwar Gefahren, blenden sie aber oft aus, weil sie nicht ins aktuelle Weltbild passen.»

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Giftiger Abfall auf der Fläche von sechs Fussballfeldern: die überdachte Sondermülldeponie in Kölliken


Denn geht Müll, kommt Müll - nach Kölliken: In der Nachbarschaft der Sondermülldeponie plant die Transport AG Aarau einen Werkhof für das Recycling von Altstoffen. Unproblematische Abfälle von Privathaushalten und Firmen. Der Geschäftsführer Markus Müller versichert: «Mit Sondermüll hat das gar nichts zu tun.»

Was genau hier lagert, ist nicht bekannt
Optimismus, wie anlässlich der Deponieeröffnung 1978: «Die in Kölliken eröffnete Sondermülldeponie entspricht in hydrologischer und technischer Hinsicht praktisch vollständig meinen Vorstellungen für die gefahrlose Ablagerung von Industrieabfällen», schrieb damals der verantwortliche Hydrologe Paul Nänny. Und weiter: «Ich bin froh, dass ich dieses Problem jetzt mit gutem Gewissen aus meinem Sorgenkatalog streichen kann.»

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Es folgte einer der grössten Schweizer Umweltskandale: Giftbrühe entwich aus der Deponie ins Grundwasser, Fische im angrenzenden Mülibach verendeten. Die Anwohner beschwerten sich über Gestank und Staub. Niemand kontrollierte die Fässerinhalte genauer, die teilweise nur als «diverse Sonderabfälle» gekennzeichnet waren. Im April 1985 verfügte der Kölliker Gemeinderat einen Deponiestopp - nach nur sieben Betriebsjahren. Begründung: Es stinke zu stark, und eine mittel- und längerfristige Gefährdung von Mensch und Umwelt könne nicht mehr ausgeschlossen werden.

Jetzt wird Schicht für Schicht abgebaut, Fass für Fass muss wieder ausgegraben werden. Dazu wurde ab März 2006 eine riesige stützenfreie Halle gebaut. Eine 6300 Tonnen schwere Stahlkonstruktion. Das eigens dafür entwickelte weisse Bogentragwerk ist von weit her erkennbar - Bogen mit bis zu 170 Metern Spannweite. Sechs Fussballfelder hätten Platz in der Halle, in der bei Unterdruck saniert wird.

Die Kabinen der Bagger sind sogar luft- und staubdicht, denn man weiss schlicht nicht, was alles an Giftmüll in der Deponie entsorgt wurde. Und die Scheiben der Fahrzeuge sind so stark, dass sie Explosionen überstehen würden − viele Fässer sind völlig durchgerostet und zerbröseln bei der Bergung durch die Bagger.

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Gefährliche Arbeit: Die Müllberge dürfen nur mit Schutzanzügen betreten werden.


Spannend wie ein Flohmarktbummel

Den gefährlichsten Job machten bisher die vier Probenehmer - in Schutzanzügen mit externer Sauerstoffzufuhr, bewaffnet mit Schaufeln, Bohrer und Eimer. «Wir sind die Einzigen, die wirklich an den Giftmüll rangehen und ihn auch anfassen», sagt Tibor Schullerus. Er ist der Leiter des vierköpfigen deutschen Teams, das für fünf Jahre in Kölliken stationiert ist. Jedes Fass, jede gehobene Ladung Abfall muss beprobt werden. Im Labor auf dem Deponiegelände wird dann innerhalb von 48 Stunden bestimmt, wie gefährlich der Müll ist und wie er am besten entsorgt wird. Gut 20 Minuten dauert es, bis die Schutzanzüge sitzen und kritische Stellen an den Stiefeln, Handschuhen und zur Gasmaske mit Klebeband abgedichtet sind.

«In der Halle kommt man sich vor wie auf dem Mond», meint Schullerus. Maximal zwei Stunden dauert ein Einsatz, «aber wenn es dort 40 Grad warm wird, ist man schon nach 30 Minuten fix und fertig», sagt der Heidelberger. In Zweierteams sind die «Mondmänner» unterwegs, mit einem Gefährt, das aussieht wie ein Golfwägeli. Rund 300'000 Proben wollten sie bis zum Rückbauende 2012 nehmen.

Angst vor Feuer hat Schullerus nicht: «Ein Risiko besteht immer, aber wenn ich in der Halle bin, fühle ich mich wie auf einem Flohmarkt, man entdeckt viel Neues.» Neues brachten auch die Brände mit sich: In Zukunft werden die Proben mit extra umgerüsteten Baggern gesammelt. Schullerus und sein Team sollen nur noch in Ausnahmefällen die Halle betreten. Und es wird immer auch eine Wärmebildkamera dabei sein. «Damit könnte man sofort reagieren und sich in Sicherheit bringen, wenn Wärmebildung erkennbar wäre», erklärt Schullerus. Vielleicht müsse auch die tägliche Abbaumenge reduziert oder an weniger Orten gleichzeitig gegraben werden.

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Die Kosten laufen aus dem Ruder
Ganz anders verläuft die Deponiesanierung im jurassischen Bonfol. Roboter sollen die gefährliche Arbeit verrichten. Der Grund: Die Basler Chemie will die Arbeiter keinem Risiko aussetzen. Wieso schickt man in Kölliken Menschen in die Halle? «Unsere Deponie ist ganz anders als jene in Bonfol», rechtfertigt sich Tardent. «Bei uns wurde schichtweise Müll eingelagert, in Bonfol hat man die Fässer geöffnet und den Abfall kreuz und quer in die Grube gekippt.»

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Sicherheit geht vor: Die Abfallproben werden künftig nicht mehr mit einer Art Golfwägeli (unteres Bild) geholt, sondern mit Baggern, in die man durch Luftschleusen einsteigt.


2010 soll die Sanierung in Bonfol losgehen, nach einer dreimonatigen Pilotphase. Die soll zeigen, ob das Sicherheitskonzept aufgeht. In Kölliken tat es das nicht. Baustopp, Überprüfung und Anpassungen verzögern den Rückbau um mindestens sechs Monate. Sind Roboter jetzt auch in Kölliken ein Thema? «Nein, schon während der Planung und Projektierung gingen wir nie von einem Roboterrückbau aus», sagt Tardent. Der schichtweise Abbau sei mit Robotern nicht zu bewältigen, dazu brauche es Menschen. Der Verantwortung ist er sich bewusst: «Sicherheit hat Priorität. Jeder Arbeiter musste eine Sicherheitsausbildung absolvieren.» Wer in die Halle geht, trägt ein GPS-Gerät auf dem Schutzhelm und kann geortet werden. Passiert etwas, zeigt das Gerät sogar an, ob die Person steht oder liegt.

Ein Worst-Case-Szenario gibt es in Kölliken nicht. «Ich hoffe, die Brände waren das Schlimmste und es kommt nicht noch böser», sagt der Sanierungsleiter. «Hoffentlich fahren sie nicht zu uns, denke ich jedes Mal, wenn ich die Sirene des Krankenwagens oder der Feuerwehr höre.»

Tardent hat Kontakt aufgenommen mit den Firmen, die seinerzeit den Abfall angeliefert hatten, der sich entzündete. «Wir wollen sie nicht verantwortlich machen, uns interessiert lediglich, wie sie solchen Abfall heute entsorgen.» Auch für die verursachten Zusatzkosten werden die Firmen nicht aufkommen müssen. «Sie haben damals ihren Abfall richtig entsorgt, und das Konsortium der Sondermülldeponie wurde rechtmässige Besitzerin der Abfälle», sagt der studierte Chemiker. Aber es wird teuer, vor allem aufgrund des Rückbaustopps: «In den budgetierten 445 Millionen Franken für die Gesamtsanierung sind lediglich neun Prozent für Unvorhergesehenes eingerechnet. Für den Deponiekörper haben wir keine Reserven.» An den Kosten beteiligen sich die Kantone Aargau und Zürich mit je 41,66 Prozent. Jeweils 8,33 Prozent übernehmen die Stadt Zürich und die Basler Chemie.

«Eigentlich sollten die Verursacher zahlen, deren Müll nun brannte», meint hingegen Anwohner Hansjörg Hofmann. «Und wenn wir schon so eine riesige Halle haben, soll diese nach dem Deponieabbau nicht abgerissen werden. Man könnte daraus eine Sporthalle machen.»

Der Deponierückbau dauert mindestens noch vier Jahre. Aber auch Tardent macht sich bereits Gedanken über das Danach: Bauland oder Grünfläche, lautet sein Wunsch. «Eine sinnvolle Nachnutzung des Hallenkomplexes kann ich mir nicht vorstellen», sagt er. Auch Postbotin Imelda Späti fände Wohnhäuser gut. «Nur kein Denkmal, das an die Deponie erinnert», sagt sie. Und das grösste Anliegen von Anwohnerin Priska Christen: «Hauptsache, der Müll ist bald weg aus Kölliken.»

Aufwendige Entsorgung
Der Rückbau der Sondermülldeponie Kölliken (SMDK)

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