An den 11. Januar 2000 kann sich Rolf Bentz noch genau erinnern. Mitten auf der Skipiste in Zermatt klingelte plötzlich sein Handy. Was der Anrufer zu berichten hatte, war für den Manager im Sold der Ciba Spezialitätenchemie alarmierend genug, den Urlaub unverzüglich abzubrechen: «Drei Stunden später stand ich im Büro.» Was man in Basel aufgrund eines Hinweises befürchtet hatte, trat am folgenden Tag ein: Der damalige jurassische Umweltminister Pierre Kohler verlangte ultimativ, dass die Sondermülldeponie geschlossen werde, in der acht Basler Chemiefirmen von 1961 bis 1976 insgesamt 114'000 Tonnen Chemieabfälle eingelagert hatten.

Fünfeinhalb Jahre später deutet nichts auf Eile hin. Über dem neu aufgeforsteten Tannenwald am Ort der ehemaligen Tongrube der Céramique industriel SA hängen Nebelschwaden. Zwischen den Bäumchen stehen metallene Deckel von Überwachungsschächten, in langen Holzkästen modern Bohrkerne vor sich hin. Hier, wenige Meter unter der Erde, liegen immer noch die einst vergrabenen Chemikalienfässer. Was diese genau enthalten, weiss niemand, weil die Dokumente darüber nie existierten oder längst vernichtet wurden.

Greenpeace geht aufgrund einer Studie davon aus, dass im Lehmboden von Bonfol einige hundert Gramm bis mehrere Kilo des hochgiftigen «Seveso-Dioxins» verscharrt sind. Die gefährlichen Stoffe seien an verschiedenen «hot spots» in hohen Konzentrationen vorhanden, sagt Matthias Wüthrich, Leiter der Chemiekampagne bei Greenpeace.

Die Umweltorganisation ist in Bonfol bestens bekannt. Im Sommer 2000 besetzten Aktivistinnen und Aktivisten das Deponiegelände und verlangten dessen Sanierung. Gross war die Zufriedenheit, als die Basler Chemie im Herbst 2000 in einem Rahmenabkommen mit dem Kanton Jura in die Totalsanierung einwilligte.

«Allerunterste Schublade»
Statt saniert wurde seither aber vor allem gestritten: über ein Projekt, an dem die jurassische Regierung über 50 Punkte auszusetzen hatte, vor allem aber über die Finanzierung. Die Sanierungskosten von geschätzten 250 bis 300 Millionen Franken müssten voll von der Basler Chemie getragen werden, erklärte Laurent Schaffter, der Nachfolger Kohlers als Umweltminister, immer wieder: «Weder der Kanton Jura noch die Gemeinde Bonfol haben Geld, um sich an der Sanierung zu beteiligen», sagte Schaffter noch Mitte Oktober. «Ich will doch nicht, dass man in Bonfol dereinst mein Bild aufhängt und mit Dartpfeilen darauf wirft, weil ich die Gemeinde in den Ruin getrieben habe.» Schaffters Pfand war so simpel wie effektiv: Ohne garantierte Finanzierung werde keine Baubewilligung erteilt.

Was Schaffter im Brustton der Überzeugung vortrug, konterte sein Gegenpart mit dem Hinweis auf gesetzliche Vorgaben: Ohne die Baubewilligung könne man nicht über die Finanzierung sprechen, betonte Rolf Bentz, Geschäftsführer und Verwaltungsratspräsident der BCI Betriebs AG, die von den acht an der Deponie beteiligten Unternehmen zur Sanierung gegründet wurde. Das Patt war perfekt.

Und nur wenige Wochen später soll plötzlich alles anders und gut sein. «Die Basler chemische Industrie und die jurassische Regierung machen einen wichtigen Schritt in Richtung einer einvernehmlichen Lösung», meldeten die Verhandlungspartner nach einer Sitzung Ende Oktober. Man habe «die notwendige Basis für die Fortsetzung des Projekts in Form einer engen Zusammenarbeit gelegt» und arbeite nun die Details aus.

Die per Medienmitteilung demonstrierte Einigkeit erstaunt, weil sich die Opponenten in den letzten fünf Jahren nicht eben durch Kompromissbereitschaft ausgezeichnet haben. Noch Mitte Oktober beklagte sich BCI-Geschäftsführer Bentz gegenüber dem Beobachter über den Umgangston, den man im Jura ihm gegenüber zuweilen anschlage: «Ich musste Provokationen über mich ergehen lassen, die aus der alleruntersten Schublade stammten.»

Auf welche Lösung man sich geeinigt hat, soll die Öffentlichkeit frühestens Mitte November erfahren. Bis dahin, so heisst es im gemeinsamen Mediencommuniqué, habe man vereinbart, «keine weiteren Aussagen zu machen». Das ist weise, nicht bloss aus Rücksicht auf die anstehenden Gespräche über die Details. Die Sanierung ist nämlich durch die gemeinsame Erklärung nur beschränkt näher gerückt. Zwar versichert BCI-Chef Bentz, dass die Vorbereitungen so weit gediehen seien, dass man spätestens Ende 2006 mit der Errichtung der Infrastruktur beginnen könne – wenn alles reibungslos ablaufe.

«Eine riesengrosse Gefahrenquelle»
Genau dies ist aber zu bezweifeln. Das vereinbarte Vorgehen soll in einem weiteren Abkommen verbindlich festgehalten werden. Bis Schaffter und Bentz ihre Unterschriften unter das Papier setzen können, müssen sie die Abmachungen jedoch noch absegnen lassen: Schaffter von der jurassischen Gesamtregierung, Bentz vom Management der acht beteiligten Chemiefirmen. Auf beiden Seiten ist Widerstand programmiert. So haben sich Schaffter und Bentz bereits einmal informell auf eine Lösung verständigt, die dann aber, wie sich Bentz erinnert, «vom Gesamtregierungsrat überraschend zurückgewiesen wurde».

Die jurassischen Minister werden auch dieses Mal genau überlegen, wie teuer sie ihre Haut verkaufen wollen: In einem Jahr sind im Jura Regierungsratswahlen. Zu starkes Nachgeben oder gar eine Beteiligung an den Kosten der Sanierung würde im Kanton wohl kaum verstanden. BCI-Vertreter Bentz wiederum gibt zu, dass es innerhalb der Basler Chemie Unmut und Differenzen gibt: «Die Interessenlage ist nicht für alle Unternehmen gleich.»

Doch damit nicht genug der Unwägbarkeiten: Für die Sanierung muss das Gebiet der Deponie in einen so genannten Sondernutzungsplan umgezont werden – eine Novität für den Kanton Jura. Zwar kann das Prozedere sofort gestartet werden, aber dieses ist – mit öffentlichen Präsentationen, einem Konsultativverfahren und einer anschliessenden Planauflage – äusserst aufwändig und dauert selbst im besten Fall mehrere Monate. Und wer mit dem Sondernutzungsplan nicht einverstanden ist, kann Einsprache erheben – notfalls bis vor Bundesgericht.

Mindestens ein Nachbar der Sondermülldeponie schliesst diesen Schritt nicht aus: Greenpeace hat im vergangenen Sommer in unmittelbarer Nähe der Deponie ein Stück Land gepachtet (siehe Nebenartikel «Bonfol: Freizeitpark neben Sondermülldeponie»). Die Umweltschützer befürchten, dass es beim Shreddern des Chemiemülls zu Explosionen kommen kann. «Und dann könnten Staubpartikel kilometerweit durch die Luft fliegen», warnt Greenpeace-Vertreter Matthias Wüthrich, der gegen das von der BCI vorgelegte Sanierungskonzept starke Vorbehalte hat: «Mit dem in der Deponie vorhandenen Dioxin ist das eine riesengrosse Gefahrenquelle.»

Greenpeace setze sich für eine saubere, sichere und möglichst schnelle Sanierung ein, sagt Wüthrich. «Sollten wir aber feststellen, dass das BCI-Projekt zu hohe Risiken birgt, so werden wir uns im Interesse von Umwelt, Arbeitern und Bevölkerung mit juristischen Mitteln wehren.» Das aber würde bedeuten, dass die von den Umweltschützern als dringlich eingestufte Sanierung um Monate hinausgeschoben würde – ein Gedanke, bei dem auch Wüthrich nicht ganz wohl ist: «In der öffentlichen Wahrnehmung würden wir dann als Verhinderer dastehen, obschon wir eigentlich das Gegenteil wollen.»

In Bonfol betrachtet man das Hin und Her um die Deponie mit Fatalismus und Abneigung. «Die meisten von uns haben schon seit ihrer Kindheit mit der Deponie gelebt und nichts gemerkt», sagt Gemeindepräsident Jean-Denis Henzelin. Der vor einem Jahr gewählte «Maire» hat andere Sorgen: Bonfol ist nicht das, was man ein blühendes Dorf nennt. Seit Anfang der neunziger Jahre sind durch Fabrikschliessungen rund 200 Arbeitsplätze verloren gegangen. Wer kann, zieht weg: Seit 1980 ist fast ein Fünftel der Bevölkerung abgewandert. Noch leben 683 Personen in Bonfol.

50'000 Franken pro Jahr erhält die Gemeinde von der BCI als Entschädigung – eine im Vergleich zu anderen Deponiestandorten bescheidene Summe. Eine Summe aber auch, die den schlechten Ruf nicht aufzuwiegen vermag. Im östlichsten Dorf der Ajoie wünscht man sich nichts mehr, als dass das Gerede um die Deponie endlich aufhöre: «Wir möchten etwas bewegen hier und neue Einwohner anlocken», sagt Henzelin und wird nicht müde, Ruhe und Natur in der Ajoie anzupreisen: «Aber wenn Greenpeace von Dioxin spricht und alle Welt beim Wort ‹Bonfol› automatisch an Seveso denkt, dann hilft uns das überhaupt nicht.»

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