Die Welt von Reto Meister* ist aus den Fugen: «Ich darf Neugeborene, die nicht atmen, mit dem Rega-Helikopter ins Spital holen und dafür sorgen, dass sie leben. Aber meine eigene Tochter darf nicht bei mir übernachten, bis sie drei ist.» Meister ist 38, Kinderarzt und hat drei Kinder im Alter von acht, fünf und zweieinhalb Jahren. Seit zwei Jahren lebt er von seiner Frau getrennt – und damit auch von seinen Kindern. Dabei war alles perfekt organisiert: Meister und seine Frau, gleich alt wie er und Ärztin, teilten sich einen 100-Prozent-Job an einem Spital. So konnten sie abwechslungsweise bei den Kindern sein. Dieses Jobmodell war vertraglich auf Jahre hinaus gesichert – war.

Als sich in der Beziehung die Probleme häufen, drängt Reto Meister auf eine Eheberatung. Vor dem zweiten Termin nimmt sich seine Frau kurzerhand einen Anwalt. Nicht irgendeinen, sondern den, der in der Branche als «Scheidungspapst von Bern» gilt. «Als ich eines Abends gegen Mitternacht von der Spätschicht heimkam, lag ein Zettel auf dem Tisch. Frau und Kinder waren weg, ebenso die Wertsachen, Dokumente und das Auto. Die Konten ­waren leer. Auf dem Zettel stand, ich solle gar nicht erst versuchen, meine Frau und meine Kinder zu suchen, ich würde dann wieder von ihnen hören.»

Er zahlt 5670 Franken, sie arbeitet nicht

Drei Wochen vergehen, Meister weiss nicht, wo seine Kinder sind, wie es ihnen geht. Dann erhält er die Forderung seiner Ehefrau: Er soll ihr und den Kindern monatlich 5670 Franken bezahlen, da sie nicht mehr arbeite. Er nimmt sich eine Anwältin, weil er hofft, dass eine Frau eher im Sinn der Kinder argumentiert. Doch vor Gericht hat das wenig Gewicht: «Der Richter sagte: ‹Warum wollen Sie überhaupt ein Trennungsverfahren? Kleine Kinder gehören doch zur Mami.› Und: ‹Ich diskutiere nicht über die Entwicklung eines Kindes, ich kenne mich da zu wenig aus.›»

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Oliver Hunziker, Leiter der unabhängigen Fachstelle Verantwortungsvoll erziehende Väter und Mütter (VeV), sagt: «Leider widerspiegelt die Aussage des Richters eine immer noch weit verbreitete Haltung. Kinder gehörten zur Mutter, dieses Bild steckt tief in zu vielen Köpfen. Dabei wird die gesellschaftliche Realität verkannt, die wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten 20 Jahre werden nicht beachtet.»

Die ihm zugestandenen Kindertage kann Reto Meister kaum wahrnehmen. Das lässt der 100-Prozent-Schichtbetrieb im Spital nicht zu. «Die Kompensations­tage entsprechen halt nicht der richter­lichen Regelung, und meine Exfrau ist zu Kompromissen nicht bereit.» Als er vorschlägt, sein Pensum auf 70 Prozent zu reduzieren, um das theoretische Besuchsrecht nutzen zu können, wird das vom Gericht abgelehnt – so würde er ja zu wenig verdienen. Deshalb sieht er seine beiden Buben jedes zweite Wochenende – wenn er Glück hat. Das zweieinhalbjährige Mädchen darf gemäss richterlichem Beschluss nicht beim Vater übernachten, bis es drei ist. Während der Schulferien sieht das Mädchen den Vater wochenlang nicht. Ferienkontakte sind nicht vorgesehen. «Oft hören Männer bei der Trennung, sie hätten sich halt vorher mehr einbringen müssen», sagt Oliver Hunziker von der VeV. «Wie man an diesem und an vielen weiteren Beispielen sieht, wird auch ein Vater, der sich immer eingebracht hat, vor Gericht nicht anders behandelt.»

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Keine Chance für den Vater

Reto Meister hat keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Obwohl er als Fachmann weiss, wie wichtig die frühen Jahre in der Entwicklung von Kindern und ihren Bindungen sind, hat er kaum Chancen, eine tiefe Beziehung zu seinen Sprösslingen aufzubauen. Zudem plagen ihn finan­zielle Sorgen: Seine Eltern bezahlen seine Mietwohnung, bei Freunden hat er Schulden. Die obligatorischen Weiterbildungen als Arzt kann er nicht besuchen. Dafür fehlen ihm das Geld und die notwendigen Dokumente, die seine Frau auch mitgenommen hat. Bei ihr ist auch Meisters Gitarre: «Ich verstehe nicht, warum meine Exfrau mir nicht einmal meine Gitarre geben will, sie kann sie ja nicht spielen.»

Die Exfrau will keine Stellung nehmen

Gegenüber dem Beobachter wollte Meisters Exfrau nicht Stellung nehmen. Ihr Anwalt erklärte, man wolle die Fragen nicht beantworten.

Inzwischen hat der Kinderarzt seine Stelle im Spital aufgegeben. «Ich hatte die Wahl, zu arbeiten und meine drei Kinder praktisch nie zu sehen oder nicht mehr zu arbeiten und wenigstens ein Teilzeitpapi zu sein.» Eine echte Wahl war das nicht. Ohne Einkommen ist er auf die Hilfe an­derer angewiesen. «Natürlich ist das keine Lösung», sagt er und fragt: «Was wäre denn eine gute Lösung?»

*Name geändert