Geduldig warten sie auf Einlass. Frauen und Männer, Alte und Junge, manche mit Kind, viele mit Poschtiwägeli, einige an Krücken, alle mit Einkaufstaschen. Es wird vereinzelt gegrüsst, leise getratscht, kaum gelacht, viel geschwiegen. Wer hier ansteht, weiss, was Armut ist, kennt echten Hunger nicht nur aus den Erzählungen des Grossvaters. Wer hier ansteht, hat so wenig, dass Naturalien statt Geld, Kohl statt Kohle herzlich willkommen sind.

Es ist kurz vor zehn Uhr morgens. Über 30 Personen haben sich an diesem Freitag vor dem Pfarreilokal der reformierten Kirchgemeinde Steig in Schaffhausen eingefunden. «Ich bin gespannt, was es heute gibt», sagt Maria Huber. «Wissen Sie, in den letzten Wochen war das Angebot nicht gerade berauschend. Wahrscheinlich, weil im Sommer nicht so viel läuft», sagt die 73-Jährige, die in ihren Händen eine Einkaufstasche und einen Kühlbeutel hält. Die Frau neben ihr, ebenfalls eine Maria, mit Nachnamen Stuber, nickt. Die beiden kennen sich seit Jahren, hatten sich aber aus den Augen verloren. Seit diesem März, als die Rentnerin Huber die ausgesteuerte Stuber hier antraf, kommen die beiden wann immer möglich freitags hierher. Denn dann verteilt die Organisation «Tischlein deck dich» Lebensmittel an Menschen, denen das Geld hinten und vorne nicht zum Leben reicht.

«Tischlein deck dich» ist eine gemeinnützige Organisation, die seit 1999 schweizweit an mittlerweile fast 50 Abgabestellen Lebensmittel an Bedürftige abgibt. Lebensmittel, die zwar einwandfrei sind, aber kurz vor dem Verfallsdatum stehen. Derzeit kommen rund 8000 Menschen einmal pro Woche in den Genuss solcher Esswaren, die vom Lebensmittelhandel, von Grossen wie Coop und Migros, aber auch von kleinen Betrieben wie lokalen Bäckereien und Gemüsehändlern gespendet werden. Jährlich verteilt der Verein bis zu 700 Tonnen Lebensmittel. Zum Vergleich: Geschätzte 250'000 Tonnen werden hierzulande jedes Jahr vernichtet.

Schliesslich öffnet sich die Tür des Lokals. Eine Frau tritt heraus und begrüsst die Anwesenden, die nach und nach den grossen Raum betreten. Gleich neben dem Eingang zücken die Kunden - so nennen die über 600 freiwilligen Helfer von «Tischlein deck dich» die Armen - ein Einfrankenstück und eine Karte im A5-Format, die zum Schutz in einer Plastikhülle steckt. Die Münze wandert als symbolischer Kaufpreis in ein Kässeli, die Karte wird von einer Frau hinter dem Tisch inspiziert. Auf dem Ausweis sind die Personalien des Karteninhabers vermerkt, ebenso wie die Anzahl Personen im selben Haushalt.

«Ich gehöre doch nicht hierher!»
Darunter sind oft auch Kinder, die mit ihren Eltern - und immer häufiger mit nur ihrer Mutter - in Armut leben. «Alleinerziehend zu sein ist heute eines der grössten Armutsrisiken», sagt Susanne Ritter, Leiterin der Schaffhauser Abgabestelle. Tatsächlich sind an diesem Tag gleich mehrere Alleinerziehende hier. Etwa die junge Frau in der braunen Strickjacke, die mit gesenktem Blick etwas abseitssteht. «Es kostet mich grosse Überwindung herzukommen, ich schäme mich», sagt die hübsche 28-Jährige mit dem traurigen Blick. Eine Wahl hat sie aber kaum: Ihr Mann hat sie vor kurzem mit fünf Kindern sitzenlassen, das jüngste ist gerade mal fünf Monate alt. «Wenn ich mich umschaue, denke ich immer: ‹Ich gehöre doch nicht hierher!›

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Man kann es ihr nicht verdenken. Ein Blick in die Runde zeigt Menschen am Rande der Gesellschaft. Alkoholausdünstungen bereits morgens um zehn. Ordentliche, aber oft schäbige und manchmal exzentrische Kleidung erzählt von tapfer im Zaum gehaltener Verwahrlosung. Die Langzeitarbeitslosen umgibt eine fast greifbare Aura von Resignation. Eingebundene Beine, von Schmerzen gezeichnete Gesichter, gichtige Hände, abgenutzte Krücken. Es riecht nach billiger Seife.

Um zehn schliesst sich die Tür wieder, und die Karten werden gemischt. «Um Ungerechtigkeiten zu vermeiden», erklärt Susanne Ritter. «So ist es dem Zufall überlassen, wie lange der Einzelne warten muss und ob man zum Schluss noch von allem kriegt.» Wer zu spät kommt, muss vorliebnehmen mit dem, was übrig ist.

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Dann rufen die Helfer jeden Namen einzeln auf, denn jeder Kunde wird von einem «Tischlein deck dich»-Vertreter durchs Angebot geführt. «Noélin, Daniel», ruft Susanne Ritter. Ein Mann mit kurzem, mittelbraunem Haar und einer braunen Lederjacke geht zum Eingang, die Tragtasche in der Linken. Hinter ihm schliesst sich die Tür wieder. Drinnen wartet der grosse, zu einem Viereck aufgestellte Gabentisch, den die Helferinnen frühmorgens mit den aus Winterthur angelieferten Waren bestückt haben. Sehr anmächelig sieht die Auslage nicht aus: Die Esswaren werden - ganz auf praktische Handhabe bedacht - in Plastikgebinden, Styroporbehältern, Schachteln, Körben und Kisten aufgestellt.

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Konserven aus Militärbeständen
Heute gibts unter anderem Joghurt, Rahm- und Magerquark, Salate, Ananas, Brot, Apfelpunsch im Portionenbeutel, vorgeschnittenes Gemüse, Äpfel, Erdbeermarmelade, Kaugummi, Chili con Carne in der Konservendose aus Militärbeständen, Knäckebrot, Bananen, Apfelsaft, Eistee und Pepsi light. Gemeinsam gehen Noélin und Ritter den Tischen entlang. «Händ Si lieber Rahm- oder Magerquark?» Nach etwa fünf Minuten verlässt der 42-Jährige, der seine Misere einer schwierigen Scheidung und daraus entstandenen Schulden zuschreibt, mit einer gut gefüllten Tasche das Lokal. «Es ist auf jeden Fall eine kleine Entlastung», sagt er und geht seines Wegs.

Das Angebot wird durch die Spenden bestimmt und im Hauptlager in Winterthur passend für die Abgabestellen kombiniert. David Kranjcec, Chef des Lagers, bündelt die Waren in erster Linie nach Ablaufdatum. Dabei wird auch auf eine möglichst gute Mischung geachtet - was nicht immer einfach ist: «Wir können ja weder Art noch Menge der Spenden beeinflussen», erklärt der Lagerchef. «Wir kriegen auch schon mal 28 Paletten mit Eistee rein. Oder Fünf-Kilo-Töpfe mit Senf. Auch die müssen wir an den Mann respektive an die Frau bringen.»

Ab und an finden auch exquisite Leckereien - Verfallsdatum sei Dank - zu «Tischlein deck dich». Shrimps im Teigmantel etwa oder Trüffelrisotto, Wachteleier, Cognac-Truffes und Bündnerfleisch, wenn auch Letzteres als Anschnitte. Auch Nachsaisonales ist sehr beliebt, insbesondere Weihnachtsguetsli und Schoggi-Osterhasen. «Das freut vor allem die Kinder, die haben dann wirklich ein Leuchten in den Augen», erzählt Lagerchef Kranjcec.

«S hät wider besseri Sache», stellt Maria Huber zufrieden fest. Sie freut sich immer speziell über Schokolade und Pralinés. Maria Stuber mag lieber Frisches; Obst und Salat. Und Pepsi light. Die Helferinnen kennen die Geschichten und auch die Vorlieben jener, die schon länger vorbeikommen. Wissen auch, von wem sie ein «Danke vielmal» zu hören kriegen und wer arrogant oder griesgrämig nur nimmt, was ihm passt. Miriam Schöttli, eine alleinerziehende Mutter von drei Kindern, nimmt immer alles, was ihr angeboten wird. «Es regt mich auf, wenn Leute über das Angebot motzen», sagt sie. «Schliesslich ist alles, was ich nicht kaufen muss, gespartes Geld. Und die Sachen, die weder ich noch meine Kinder mögen oder brauchen können, tausche oder verschenke ich an jemanden, der auch wenig Geld hat.»

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Eine Armee für die Armen
Ortswechsel. Auch die Heilsarmee Solothurn verwandelt sich einmal in der Woche, jeweils dienstags, für wenige Stunden in einen «Tischlein deck dich»-Lebensmittelladen. Die Helferinnen und Helfer gestalten dafür den Versammlungsraum mit der Predigerkanzel kurzerhand um. Im Gegensatz zu Schaffhausen müssen die Kunden nicht draussen warten, sondern sich artig auf die Stühle setzen, bis sie an der Reihe sind. Auch hier ist die Klientel gemischt, die Gründe sind dieselben: Arbeitslosigkeit, Invalidität, Krankheit, Alkoholismus, psychische Probleme, familiäre Umstände. Und doch ist jedes Schicksal einzigartig: Asylbewerber Agim Kopili, 37, lebt mit seiner Familie seit sieben Jahren in der Schweiz und findet wegen seines Aufenthaltsstatus keine Arbeit. Seine Frau ist krank, die Kinder gehen zur Schule.

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Die 42-jährige Elisabeth von Allmen ist geschieden und hat mit ihrer mageren IV-Rente kein Auskommen. Jolanda, die noch mit ihrer Scham kämpft und deshalb ihren vollen Namen nicht nennen will, ist IV-Rentnerin und alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern. Lotti Gasche pflegt ihre kranke Mutter zu Hause, kann deswegen nicht viel arbeiten und schafft es so nur knapp ans Existenzminimum. Sie darf für drei Personen beziehen, denn auch der Sohn lebt noch in ihrem Haushalt.

«Auffällig ist, dass offensichtlich immer mehr Schweizer zu wenig Geld haben und der Druck mittlerweile so gross ist, dass auch sie zu uns kommen», betont Rosemarie Schärli, Leiterin der Solothurner Abgabestelle. «Früher hatten wir vor allem Ausländer als Kunden. Jetzt ist das Verhältnis gekippt: Rund 60 Prozent der Klientel ist schweizerischer Herkunft.»

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Rustikaler Brotauflauf Rezept für vier Personen
400 Gramm altes Roggenbrot in zwei Zentimeter grosse Würfel schneiden.
3 Deziliter Milch erhitzen und über die Brotwürfel giessen.
Eine halbe Stunde stehenlassen. Brot herausfischen und ausdrücken, Milch aufbewahren.
1 Teelöffel Thymian
3 Eier
zur Milch geben, verquirlen. Mit Salz und Pfeffer abschmecken.
8 Wirsingblätter in kochendem Salzwasser blanchieren, gut abtropfen.
1 kleine Zwiebel fein hacken und in etwas Butterfett andünsten.
500 Gramm Hackfleisch vom Schwein dazugeben, körnig dünsten. Salzen und pfeffern
200 Gramm Gruyère reiben
Die Hälfte der Brotwürfel in eine gebutterte Auflaufform geben. Die Hälfte des Fleischs darauf verteilen, mit einem Drittel des Käses bestreuen, mit vier Kohlblättern bedecken. Das Ganze wiederholen. Auf die zweite Schicht Kohl den Rest des Käses verteilen, Eimilch angiessen und einige Butterflöckli verteilen. 30 Minuten bei 180 Grad backen.
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