Die Walliser Bergwelt zeigt sich von der Postkartenseite: Sonne, Schnee und tiefblauer Himmel. Helena B. ist es jedoch nicht ums Geniessen. Eine hartnäckige Bronchitis plagt die sportliche 51jährige. Ans Skifahren ist nicht zu denken. Als sie wieder zurück in Zürich ist, verschlimmert sich ihr Zustand: hohes Fieber, dazu Atemnot. Die kranke Frau kommt notfallmässig ins Triemli-Spital.

Die Diagnose trifft Patientin und Angehörige wie ein Blitz. Helena B. leidet an einer bestimmten Form von Lungenentzündung, wie sie für Aidskranke typisch ist. Eine doppelt durchgeführte Blutuntersuchung bestätigt den Verdacht. Sie ist Trägerin des HI-Virus.

Das war Ende Februar 1995. Für Helena B., ihren Ehemann und die beiden erwachsenen Töchter brach damals das Leben auseinander. Angst, Ohnmacht und Trauer bestimmten fortan den Alltag. Eine neue Zeitrechnung begann, das Leben mit Aids.

Die Ursache der HIV-Infektion war schnell ausgemacht: Im November 1985 musste sich die damals 41jährige Frau im Spital Adliswil einer Darmkrebsoperation unterziehen. Dabei erhielt sie dreimal fremdes Blut. Eine der Konserven war HIV-positiv.

Vieles wird dadurch im nachhinein verständlich: Etwa, dass sie sich nie mehr ganz gesund fühlte, trotz geheiltem Krebs. Da waren auch erhöhte Blutwerte, die sich der Hausarzt nicht erklären konnte. Und da war diese ständige Müdigkeit. «Ich habe unzählige Behandlungen über mich ergehen lassen», erinnert sich Helena B. «Doch keiner konnte mir sagen, warum mir die Kraft zum Arbeiten fehlte.»

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Ganze neun Jahre und drei Monate lebte Helena B. mit dem Aidsvirus im Blut - ohne es zu wissen. «Es grenzt an ein Wunder, dass ich meinen Ehemann nicht angesteckt habe», sagt sie. Und wenn sie an den sorglosen, nahen Kontakt mit ihren Enkelkindern zurückdenkt, läuft es ihr «heute noch heiss und kalt den Rücken hinunter».

Das Blut angeblich getestet
Nach dem Schock kam das Hadern: «Warum gerade ich?» Und: «Wie war ein solcher Fehler überhaupt möglich?» Schliesslich war der Patientin kurz vor der Operation bestätigt worden, die Blutkonserven seien auf HIV getestet. Ein fatales Versehen? Keineswegs. Der «Look back», so wird das Zurückverfolgen von verabreichtem Fremdblut zur Spenderin genannt, zeigt folgende Chronologie:

  • 23. Oktober 1985: Ein Angestellter des Krankenhauses Sanitas Kilchberg spendet im spitaleigenen Zentrum Blut. Seine Spende trägt die Nummer 701 und geht zum Test auf Hepatitis-B-Viren ins Blutspendezentrum Limmattal des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK).

  • 1. November 1985: Sanitas gibt dem SRK-Blutspendezentrum den Auftrag, ab sofort alle Sanitas-Blutspenden auf HIV-Antikörper zu testen.

  • 13. November 1985: Sanitas bekommt schriftlich Meldung vom SRK-Blutspendezentrum: Die Blutkonserve Nummer 701 enthält keine Hepatitis-B-Viren.

  • 19. November 1985: Die Sanitas-Blutbank liefert die Konserve Nummer 701 ans Spital Adliswil.

  • 20. November 1985: Die Blutkonserve Nummer 701 wird Helena B. vor der Operation verabreicht.

  • 21. November 1985: Helena B. wird operiert und erhält eine weitere, nicht infizierte Blutkonserve.


Fazit: Das vor Einführung des HIV-Tests gezogene Sanitas-Blut wurde weder nachträglich auf HIV-Antikörper untersucht noch aus dem Verkehr gezogen. Wenn der Sanitas-Angestellte sein Blut zehn Tage später gespendet hätte, wäre es als HIV-positiv erkannt und nicht abgegeben worden.

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Gesetz schrieb nichts vor
«Sanitas hat die Blutkonserven bis Ende Oktober 1985 nicht auf HIV-Antikörper testen lassen, weil wir den Test erst ab 1. November 1985 eingeführt haben - freiwillig», sagt Stefan Güntensperger, Verwaltungsdirektor des Kilchberger Krankenhauses. Das sei immerhin ein halbes Jahr vor dem gesetzlichen Obligatorium vom Mai 1986 gewesen. Es habe zudem nie eine Weisung gegeben, «die vor dem 1. November 1985 gezogenen Blutspenden nachträglich auf HIV zu prüfen. Das hat zu diesem Zeitpunkt niemand gemacht.»

Für Helena B.s Ehemann ist das unfassbar: «Bereits im Sommer 1985 berichteten die Zeitungen über den Zusammenhang zwischen Bluttransfusionen und HIV-Ansteckung, und trotzdem hat man meiner Frau Ende November noch ungetestetes Blut verabreicht. Das ist doch einfach ein Skandal!»

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Familie B. nahm einen Anwalt. Dieser fand heraus, dass die Zürcher SRK-Blut-spendezentren das «eigene» Blut bereits ab Mitte September 1985 dem HIV-Antikörper-Test unterworfen haben. Bei den Sanitas-Blutspenden war das nicht der Fall. Grund: Sanitas war dem Verband der SRK-Blutspendezentren nicht angeschlossen. Das SRK-Labor behandelte das Kilchberger Spital als auswärtigen Kunden, und für diese galt auch weiterhin: ohne entsprechenden Auftrag kein HIV-Test.

Während die beiden Zürcher Zentren des SRK «ab spätestens 1. November 1985 in der Lage waren, ausschliesslich HIV-getestete Blutkonserven auszuliefern», so Manuel Frey-Wettstein, Chefarzt des SRK-Blutspendediensts Zürich, brauchte Sanitas weiterhin ungetestete Blutkonserven auf. Opfer dieser Sparsamkeit wurde Helena B.

Vergleich heruntergehandelt
Als ihr Anwalt eine Schadenersatzklage beim Friedensrichter einreichte, zeigte sich das Spital verhandlungsbereit. Anfang März 1996 - ein Jahr nach der für Helena B. so schicksalhaften Lungenentzündung - schien ein annehmbarer Vergleich in Griffnähe. «Wir waren bereit, auf mehr als die Hälfte des ursprünglich geforderten Betrages zu verzichten», sagt Helena B.s Mann.

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Doch dieses Entgegenkommen reichte der «Zürich», bei der das Sanitas-Spital versichert war, noch nicht. Der Agenturvertreter wurde vom Fall abgezogen; der Leiter des Rechtsdienstes der Generaldirektion liess den Vergleich platzen. Die «Zürich» war nur noch bereit, insgesamt 200000 Franken zuzüglich Zins für zehn Jahre zu zahlen - per Saldo aller Ansprüche. Dieser Betrag deckt nicht einmal den Lohnausfall, den Helena B. erlitten hat und noch erleiden wird, da sie ihre Arbeit wegen der Auswirkungen der HIV-Infektion aufgeben musste.

Knallharte Abwartetaktik
«Es war bitter, aber wir waren gezwungen, dieses Angebot anzunehmen», sagt Helena B. «Auf einen langwierigen Prozess, der die Haftungsverantwortung des Spitals überprüft hätte, konnte ich mich nicht einlassen. Ausserdem waren meine Uberlebenschancen sehr gering.»

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Diesen Umstand hat die Versicherung in ihre Taktik eingebaut: Zehn Tage vor dem Brief, mit dem die «Zürich» den Vergleich platzen liess, hat sich der Rechtsdienstleiter von internen Fachleuten über die Exitus-Wahrscheinlichkeit von Helena B. informieren lassen: «Stadium heute: massiv fortgeschritten. Prognose eher schlecht», hiess die Antwort.

Doch Helena B. überlebte. Dank neuen Aidsmedikamenten. «Es war für uns alle wie ein Wunder», sagt ihr Mann Gerhard B. Die Dankbarkeit war gross - doch der Groll, um berechtigte Ansprüche geprellt worden zu sein, kam zurück. Am härtesten traf Helena B. jedoch die Gefühlslosigkeit, die Spital und Versicherung an den Tag gelegt haben. «Von der Stiftung Krankenhaus Sanitas hat sich bei mir nie jemand gemeldet - weder schriftlich noch mündlich. Kein Bedauern, keine Anteilnahme, nichts.»

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Für das Spital war der Fall abgeschlossen. Forderungen nach neuen Verhandlungen wies man empört zurück. Für Gefühlsausbrüche von Vater und Tochter der Patientin hatte man kein Verständnis, fühlte sich sogar «verbal bedroht», wie Sanitas-Verwaltungsdirektor Güntensperger gegenüber dem Beobachter ausführte. «Der Vergleich ist geschlossen, das Geld bezahlt. Weitere Ansprüche gibt es keine. Es war auch für uns ein Kompromiss. Das Spital muss nun pro Jahr etwa 15000 Franken mehr Haftpflichtprämien bezahlen.»

Doch bei der Familie B. gärte es weiter. Das Gefühl, über den Tisch gezogen worden zu sein, verstärkte die Ohnmacht und weckte Misstrauen. Zweifel kamen auf, ob sie über «die Verknüpfung unglücklicher Umstände» (Güntensperger) vollständig informiert worden waren.

Viele Fragen bleiben offen
Das Spital weigerte sich hartnäckig, den Namen des Arztes herauszugeben respektive ausfindig zu machen, der beim Spender 701 am 9. Januar 1986 - also nur 50 Tage nach der fatalen Transfusion - den HIV-Antikörper-Test durchführte. Aktenkundig ist, dass der Mann noch bis Juli 1986 im Sanitas arbeitete. Blut hat er nicht mehr gespendet. «Wir können einfach nicht glauben, dass das Spital damals vom positiven Testresultat nichts wusste», sagt Helena B. «Er gehörte ja einer Risikogruppe an.»

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Die Ungewissheit ist bis heute geblieben. Das im Juli 1996 angestrengte Strafverfahren gegen Unbekannt ist Ende April 1998 wegen Verjährung eingestellt worden. Die Bezirksanwältin hat den Fall kaum untersucht. So lud sie beispielsweise den Arzt, der 1985 für den Blut-spendedienst Sanitas verantwortlich war, nicht einmal vor. Zudem liess sie sich seit Juli 1996 reichlich Zeit: Die erste Einvernahme datiert vom März 1998. Der Hauptzeuge, Spender «701», ist 1997 dem Virus erlegen.