Hannelore Karst litt an Herzrhythmusstörungen. Daher wurde ihr letzten November ein Herzschrittmacher eingesetzt – eine Operation, die im Zürcher Stadtspital Triemli schon unzäh­lige Male durchgeführt wurde. Nach zwei Tagen sei sie wieder zu Hause, beschied man ihr. Zu ihrer Überraschung sollte der Eingriff – anders als in der Informationsbroschüre beschrieben, die man ihr in die Hand gedrückt hatte – unter Vollnarkose vorgenommen werden. Da gingen bei ihr die Warnlichter an: Lief etwas nicht rund?

Ihre Befürchtung schien sich zu bestä­tigen: «Nach der Operation pochte mein Herz in der Nacht wie Hammerschläge», sagt Hannelore Karst. Sie hatte Schmerzen, und ihre Atmung war nur oberflächlich. Ein Arzt war nicht zugegen, man gab der Patientin ein Schmerzmittel. «Ich erinnere mich, wie jemand im Operationssaal sagte, meine Atmung habe gestreikt», fügt sie bei. «Doch informiert hat mich niemand.» Die Schmerzen liessen erst nach, als man einen Tag nach dem Eingriff den Herzschrittmacher endlich korrekt einstellte.

Sechs statt zwei Tage im Spital

Während des ganzen Spitalaufenthalts hatte Karst nachts starke Schmerzen. Am sechsten Tag wurde sie verspätet entlassen; ein Assistenzarzt gab ihr noch ein Schmerzmittel auf den Weg. Die allein lebende Frau verbrachte eine schlaflose Nacht.

Einer Bekannten sei es besser ergangen, erzählt Karst: «Sie erhielt im Kantonsspital St. Gallen einen Herzschrittmacher mit Defibrillator in Lokalanästhesie. Sie konnte sich mit ihrem Operateur unter­halten und den Eingriff am Bildschirm verfolgen. Alles verlief problemlos.»

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Dass eine Routineoperation nicht in jedem Fall rund verläuft, ist auch Tierärztin Karst klar. Was sie kritisiert, sind mangelnde und fehlerhafte Informationen – und dass sie das Gefühl hat, man habe sie zu wenig ernst genommen. Hannelore Karsts Herzrhythmusstörungen traten unter dem Einfluss des Bronchienmedikaments Seretide auf. Sie kritisiert, dass die Ärzte des Triemlispitals dies nicht beachtet und die unerwünschten Nebenwirkungen nicht Swissmedic gemeldet haben, der Kontroll- und Zulassungsstelle für Medikamente. Swissmedic meint dazu: «Bei den Fach­leuten, die in solchen Situationen keine Meldung erstatten, kann von einem noch nicht abgeschlossenen ‹Lernprozess› gesprochen werden.» Swissmedic hat Karsts Symptome an die zuständige Pharmaco­vigilance weitergemeldet.

«Die einzige Konstante war die Putzfrau»

Ungereimtheiten gibt es bei der Narkose: Karst ist fest davon überzeugt, sie habe eine Vollnarkose erhalten. Doch im Ope­rationsbericht steht «Lokalanästhesie». Sie sagt: «Ich weiss von meiner Berufstätigkeit her und auch aus Erfahrung, was eine Vollnarkose ist.»

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Was Hannelore Karst am meisten stört: «Während des ganzen Aufenthalts war ich zwar umgeben von vielen Leuten, aber es fehlte eine ärztliche Vertrauensperson, an die ich mich hätte wenden können. Die einzige Konstante war die Putzfrau.» Sie habe auch erst kurz vor der Narkose zufällig erfahren, dass sie von Chefarzt Michele Genoni operiert werde. Weder vor noch nach dem Eingriff hat sie ihn gesehen.

Offensichtlich hat bei Hannelore Karst die Kommunikation schlecht funktioniert: Sie hatte keine Ansprechperson, erhielt widersprüchliche Informationen und wurde aus ihrer Sicht ungenügend aufgeklärt. Die Kommunikation zwischen Patienten und Ärzten ist das Spezialgebiet von Wolf Langewitz, stellvertretender Chefarzt für Psychosomatik am Universitätsspital Basel. Er vermittelt seit Jahren in Kommunikationskursen, wie den Patienten Informationen übermittelt werden sollen – von einfachen wie der Medikamenteneinnahme bis schmerzlichen wie zum Beispiel bei einer Krebsdiagnose.

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Für Langewitz ist es «beeindruckend», wie viele Leute mit der Patientin Kontakt gehabt hätten. Es sei daher nicht erstaunlich, dass Hannelore Karst das Gefühl hatte, keine Vertrauensperson zu haben. Kritisch fügt er bei: «Das ist ein typisches Phänomen der Betreuung in grossen Spi­tälern, das mit der Einführung der Arbeitszeitregelungen vor einigen Jahren drastisch an Bedeutung gewonnen hat: Es gibt zumindest bei den Ärzten kaum noch Kontinuität in der Betreuung, wenn die Dienstbefreiungen nach Nachtdiensten rigide im Sinne des Gesetzes umgesetzt werden.» Auch als Hannelore Karst die Äusserungen im Operationssaal so verstand, als ob sie einen Atemstillstand gehabt hätte, «wäre es einfacher gewesen, wenn sie jemanden gekannt hätte, mit dem sie alle diese Fragen in Ruhe hätte besprechen können».

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«Exemplarisch» am Fall Karst sei auch der Wunsch – so Langewitz –, eine persönliche Beziehung zum Operateur und zum Anästhesisten herzustellen. Aber auch hier zeige sich eine Kehrseite der modernen Medizin. Die Spezialisierung von Ärzten führe dazu, dass diese «überwiegend bei Eingriffen eingesetzt» werden. «Deshalb steht dieser Spezialist dann nicht mehr für das Aufnahmegespräch zur Verfügung.» Man müsste deshalb die Patienten «aktiv» darauf hinweisen, dass zum Beispiel die Anästhesistin beim Vorbereitungsgespräch nicht diejenige sei, die die Narkose durchführen werde. Auch sei es Aufgabe des Spitals, «aktiv auf Patienten zuzugehen», wenn der Ablauf der Behandlung nicht dem vorher angekündigten Schema entspreche.

«Er wollte nicht gern Fehler zugeben»

Nach ihren unerfreulichen Erfahrungen traf sich Hannelore Karst zu einem Gespräch mit Chefarzt Michele Genoni. «Er war sehr freundlich, aber auch unverbindlich und wollte nicht gern Fehler zugeben», sagt sie. Der Beobachter hat Genoni mit dem Fall konfrontiert. Er unterstreicht, dass die Aufklärung der Patientin ordnungsgemäss vor der Operation erfolgt sei, Hannelore Karst habe die Protokolle unterschrieben. Aufgrund anderer Verpflichtungen sei es ihm aber nicht möglich gewesen, die Vorbesprechung selber durchzuführen.

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Weiter betont er, Hannelore Karst habe nur eine Lokalanästhesie erhalten, wie das auch protokolliert sei. Aber unter der Wirkung der sogenannten Analgosedation, die den Schmerz ausschaltet und beruhigt, ­habe sie sich wohl nicht mehr an die Operation erinnern können. Nach der Opera­tion würde normalerweise der Abteilungschirurg die Patienten regelmässig besuchen, zudem kümmere sich ein Facharzt um die medizinische Betreuung. Doch: «Das kann natürlich dazu führen, dass der Patient nicht mehr weiss, wer die Bezugsperson ist.» Zum Medikament Seretide, das Probleme verursacht hat, meint er: «In der Krankenakte ist Seretide nicht erwähnt.»

Lehren aus dem Fall gezogen

Hannelore Karst geht es nicht darum, einzelne Ärzte anzuprangern: «Mir ist bewusst, dass in meinem Alter immer etwas Unerwartetes auftreten kann. Ich möchte aber andere Menschen vor solchen traumatischen Erfahrungen bewahren.»

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Dass bei ihr etliches nicht rund gelaufen ist, ist offenbar auch Michele Genoni bewusst, hat er doch den Fall an einem ­internen Rapport besprochen und Lehren gezogen. Zum einen müssten die Ärzte immer rückfragen und sich vergewissern, ob die Patienten sie richtig verstanden hätten. «Denn entscheidend ist nur das, was der Patient wahrnimmt.» Zum andern «müssen wir uns täglich vergewissern, dass wir die Patienten nicht nur medizinisch korrekt behandeln, sondern dass wir sie umfassend betreuen». Bei Hannelore Karst habe man es nicht geschafft, sie im Gespräch abzuholen. «Ich bin ihr darum dankbar, dass sie uns auf den Mangel hingewiesen hat.»

Diese Lehren entsprechen genau dem, was Wolf Langewitz erreichen will, damit sich Ärzteschaft und Patienten besser verstehen. Seine Bemühungen scheinen Früchte zu tragen. Als er vor 15 Jahren mit seinen Kommunikationskursen begann, stiess er noch «auf Ablehnung und Ignoranz» seitens der Ärzteschaft. Heute werden bei einem Viertel der mündlichen Prüfungen zum medizinischen Staatsexamen kommunikative Fähigkeiten getestet.

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«Ich möchte andere vor solchen traumatischen Erfahrungen bewahren»: Hannelore Karst vor dem Zürcher Triemlispital.

Quelle: Salvatore Vinci